Widersprüchliche Gefühle in Berlin

Bist Du wirklich so wunderbar, Berlin? Foto: privat.

Der erste Heimat-Urlaub

Wir haben den ersten Urlaub in der alten Heimat gemacht – nach fast einem Jahr im Ausland: zweieinhalb Wochen Berlin, Freunde besuchen, Familie sehen, auf alten Pfaden wandeln. Wasfür widersprüchliche Gefühle! Ist Berlin wirklich so wunderbar, wie es in einer Bier-Werbung besungen wird?

Große Wiedersehensfreude, Sich-wohl-und-kompetent-Fühlen in der eigenen Kultur. Aber auch Überraschung darüber, dass wir doch schon ein wenig anders zu ticken scheinen: die vielen Masken überall, die allgegegenwärtigen Teststationen für Covid19-Tests. Das kommt uns fast ein bisschen übertrieben vor. Auch wenn es ein größeres Sicherheitsgefühl vermittelt. Das kennen wir aus Schweden nicht. Hier kosten Schnelltests für Reisen immer noch mindestens 40 Euro pro Stück, PCR-Tests eher 100. Und man macht sie nur, wenn man unbedingt muss – z.B. wenn man reisen möchte. Für Restaurantbesuche (auch innen), das Schwimmbad oder Museen braucht man sie nicht (in Deutschland jetzt im Moment auch nicht mehr überall).

Im ÖPNV in Berlin herrscht FFP2-Pflicht. In Schweden tragen noch immer die wenigsten Leute Masken. Fotos: privat.

Mir stößt sie auf: die Raubeinigkeit

Und dann gibt es noch die anderen widersprüchlichen Gefühle: einer fühlt sich in der Berliner Großstadt wie ein Fisch im Wasser, in seinem natürlichen Habitat. Der andere kann sich kaum vorstellen, wieder dort zu leben. Je länger wir da sind, desto lauter, dreckiger und unfreundlicher kommt mir die Stadt vor. Vor allem nach einem Kurztrip in den Süden Deutschlands fällt mir die Raubeinigkeit in Berlin besonders stark und unangenehm auf. Warum macht man sich hier so gern gegenseitig das Leben schwer? Es ist so viel angenehmer, wenn die Leute freundlich miteinander umgehen. Vielleicht empfinden die BerlinerInnen das nicht so, weil sie den „Code“ besser verstehen als ich. Aber ehrlich gesagt – ich glaube das nicht.

Denn auch die BerlinerInnen regen sich ja darüber auf, wie blöd die Busfahrer oft sind, wie unfreundlich manche Leute beim Bezirksamt oder einfach irgendwelche Fremden im Supermarkt und auf der Straße. Ich wurde zwar auch schonmal in Bayern übel angeschnauzt, als ich als Studentin nicht auf dem Kopfsteinpflaster sondern dem Bürgersteig Fahrrad fuhr. Aber das war ein einziger Wutausbruch, der zudem nachvollziehbar war. In Berlin kann ich gar nicht zählen, wie oft ich mich schon schlecht gefühlt habe, weil mir Leute aus unerfindlichen Gründen einen blöden Spruch an den Kopf geknallt haben. Dieses Mal war es vor allem eine blöde Anmache meiner 15jährigen Tochter durch eine Gruppe mittelalter, widerlicher Männer,. Ekelhaft. Erschreckend für den Teenager. Und natürlich eher dem Kulturkreis, der Generation und der Bildung der Männer zuzuordnen als Berlin. Aber trotzdem. Es war nicht die einzige solche Situation. Ich habe auch miterlebt, wie eine Gruppe von jungen Männern einem alten Ehepaar Obszönitäten nachgerufen hat. Ohne dass es einen erkennbaren Grund gab. In Stockholm bekomme ich sowas vielleicht noch nicht so mit, weil die Sprachbarriere noch hoch ist. Aber mir kommen die Leute insgesamt im täglichen Umgang freundlicher vor.

Schöne Seiten: Berlinale auf der Museumsinsel

Es gab und gibt aber natürlich auch die schönen Seiten von Berlin: Wir hatten z.B. Karten für die Berlinale ergattert. Dieses Jahr fand sie fürs Publikum im Sommer draußen statt. Meine älteste Tochter und ich haben einen tollen Film auf der Museumsinsel gesehen („Herr Bachmann und seine Klasse“). In einer lauen Sommernacht unter freiem Himmel. Aber dafür kann man auch mal extra in die Stadt fahren, oder?

Zwei Karten für die Berlinale hatte ich online ergattert – für den längsten (Dokumentar-)Film der Berlinale: „Herr Bachmann und seine Klasse“.

Bin ich zu alt für Berlin?

Vielleicht bin ich auch einfach zu alt mittlerweile für das „hustle and bustle“ solcher Städte. Ich bin als Studentin mit Mitte 20 nach Berlin gekommen – da war es genau richtig. Über die Nachteile habe ich hinweggesehen, die Vorteile genossen. Mittlerweile sind aber auch ein paar gravierende Nachteile neu dazu kommen: z.B. die Miet- und Kaufpreise für Immobilien und die sommerliche Hitze. Der Klimawandel macht sich in Berlin/Brandenburg seit Jahren bemerkbar. Die Region ist mittlerweile die wärmste in ganz Deutschland. Im Sommer bedeutet das fast jedes Jahr wochenlange Hitze, extreme Trockenheit mit Waldbränden und viele „Tropennächte“ über 20 Grad Celcius. Das ist nix für SeniorInnen in spe wie mich… Vor allem nicht ohne den Lebensrhythmus und die Infrastruktur von Ländern, die diese Hitze gewöhnt sind.

In Schweden ist es jetzt so, wie ich die Sommer aus meiner Kindheit in Deutschland kenne: maximal 30 Grad, das aber auch nur an wenigen Tagen, nachts angenehm frische 15 Grad. Dafür wird es nachts kaum dunkel und zurzeit geht um 3:30 Uhr die Sonne auf. Ausschlafen? Schwierig.

Am zweiten Tag unseres Heimaturlaubs waren es 37 Grad tagsüber – abends zog es die Menschen in Berlin-Moabit deshalb ans Wasser.

Expat-Dilemmata

Und da wären wir bei den Dilemmata, die jeder Expat kennt: Man möchte immer wieder raus in die Welt, aber die Welt erweist sich als ungewohnt und anstrengend. Man möchte Neues erleben und ist doch froh, sobald man wieder genau weiß, an wen man sich wenden und wie man etwas regeln kann. Man mag die Exotik anderer Länder, vielleicht die Einkaufsmöglichkeiten, das Klima, die Menschen – und vermisst doch bestimmte Zutaten, das deutsche Brot (zumindest ab und zu!). Man ist gern weg, wäre aber gern auch zuhause bei den alten, kranken Eltern.

Und wie immer muss man sich entscheiden und kann das Leben weder rückwärts leben noch gleichzeitig an mehreren Orten sein.


PS: Das beste Buch über „Heimat“ stammt von Nora Krug. Ein Muss für alle Expats, ob nah oder fern!


Kurt Tucholsky (ein Berliner!) hat die widersprüchlichen Gefühle des Lebens sehr treffend in diesem Gedicht beschrieben:

Das Ideal

Ja, das möchste:
 Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
 vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
 mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
 vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn
 aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
 Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

 Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
 Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
 Radio, Zentralheizung, Vakuum,
 eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
 eine süße Frau voller Rasse und Verve
 (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) ,
 eine Bibliothek und drumherum
 Einsamkeit und Hummelgesumm.

 Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
 acht Autos, Motorrad - alles lenkste
 natürlich selber - das wär ja gelacht!
 Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

 Ja, und das hab ich ganz vergessen:
 Prima Küche - erstes Essen
 alte Weine aus schönem Pokal
 und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
 Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
 Und noch 'ne Million und noch 'ne Million.
 Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
 Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

 Ja, das möchste!

 Aber, wie das so ist hienieden:
 manchmal scheints so, als sei es beschieden
 nur pöapö, das irdische Glück.
 Immer fehlt dir irgendein Stück.
 Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
 hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -
 hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
 bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

 Etwas ist immer.
 Tröste dich.

 Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
 Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
 Daß einer alles hat:
 das ist selten.

Die Immobilienpreise sind in Berlin in den letzten zehn Jahren explodiert – auch ein Grund, warum die Stadt nicht mehr so lebenswert ist.

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