Neues als Lebenselixier

Warum tu ich mir das an?

Neues ist mein Lebenselixier: Zentnerschwere Säcke mit Erde kaufen, Dutzende von Pflanzen, und das dann alles einbuddeln. Tomaten ziehen vom Samenkörnchen bis zur 2-m-Pflanze – obwohl ich keine Ahnung vom Gärtnern habe. Einen eigenen Blog erstellen ohne ausreichend Zeit, ohne mich mit HTML auszukennen. Ins Ausland ziehen mit vier Kindern und einem Hundewelpen während einer Pandemie. Das ist doch bescheuert! Oder etwa nicht? Warum tu ich mir das an?! Weil ich mich sonst langweile.

Neue Erfahrungen = mein Lebenselixier

Ich brauche regelmäßig neue Erfahrungen. Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich das erkannt habe. Denn es passt eigentlich nicht zu mir. Ich vermeide sonst eher Risiken. Und Neues ist immer ein Risiko. Neue Orte genauso wie neue Menschen, ein neuer Job… Man weiß oft nicht, ob die neuen Erfahrungen gute oder schlechte sein werden.

Natürlich war mir schon lange klar, dass ich unternehmungslustig bin. Dass ich gern reise (solange es nicht mit dem Flugzeug ist), dass Urlaub für mich erst erholsam wird, wenn ich irgendwo hinfahre, wo ich noch nie gewesen bin. Dass ich gern mal neue Tassen oder Teller oder Klamotten kaufe, obwohl die alten „noch gut“ sind. – Aber Dinge zu kaufen, ist ein zu kleiner Kick. Das reicht nicht lange. Viel effektiver sind langwierige Projekte. Dinge, von denen ich anfangs keine Ahnung habe, die eigentlich unvernünftig viel Zeit und Kraft kosten.

Paradox: Neues ist mein Lebenselixier – und trotzdem fühlt sich Neues nicht immer gut an
Umzugschaos in einem Zimmer: Ein Umzug in ein fremdes Land ist etwas Neues, mein Lebenselixier.
Einzugschaos beim Umzug von Deutschland nach Schweden. Foto: sims.

Mir war lange nicht klar, wie wichtig diese neuen Erfahrungen für mein Wohlbefinden sind. Denn häufig führen sie zunächst gar nicht dazu, dass ich mich gut fühle! Paradox, aber wahr: Ich kann nicht behaupten, dass ich Umzüge besonders entspannend fände, oder dass ich hier im neuen Land permanent mit einem Lächeln auf den Lippen herumliefe – ganz im Gegenteil: Mich gruselt es jetzt schon bei dem Gedanken an unseren Umzug zurück (das Ausmisten! der mögliche Ärger mit den jetzigen Vermietern wegen Kratzern im Parkett! das ganze Zeug aus dem Lager wieder auspacken!). Und ich bin absolut kein Fan der schwedischen Corona-„Strategie“. Oder von den digitalen „Errungenschaften“ hier wie der elektronischen Patientenakte uÄm: Die kann man nämlich ganz hervorragend zur Ausgrenzung, Abwälzung von Verantwortung und Diskriminierung verwenden (aber dazu ein andermal mehr). Trotzdem bin ich sicher, dass ich nach unserer Zeit hier unterm Strich zufrieden damit sein werde, dass wir das gemacht haben.

Ein zehn Wochen alter Hovawart auf einer Wiese.
Unser Hovawart, der nur frisch geimpft mit umziehen durfte. Foto: sims

Menschen mögen sogar Stromschläge lieber als Langeweile

Immerhin scheine ich nicht unnormal zu sein: Es ist nämlich so, dass gelangweilte Menschen tatsächlich JEDE Möglichkeit besser finden, als sich weiter zu langweilen – selbst wenn sie sich dadurch schädigen. In einem Experiment stellten WissenschaftlerInnen 2014 fest, dass Menschen sich sogar lieber selbst einen Stromschlag zufügten als sich einfach weiter zu langweilen. So richtig fassen können aber wohl auch Wissenschaftler das Phänomen Langeweile noch nicht. Es scheint Menschen zu geben, die sich schneller langweilen als andere. Und es scheint so zu sein, dass damit auch negative Verhaltensweisen korrelieren (übermäßiges Essen, ggf. auch Alkohol- und Drogenkonsum, mehr Aggression). Aber es scheint auch eine Art von „positiver Langeweile“ zu geben, die zu mehr Kreativität führt.

Meine Kreativität: Projekte, die eigentlich meine Kapazitäten sprengen

Und meine Form von Kreativität sind dann eben größere Projekte, die meine Kapazitäten eigentlich sprengen. (Sooo langweilig war mein Leben vor dem Umzug objektiv betrachtet übrigens gar nicht. Viele würden es wahrscheinlich sogar als recht interessant bezeichnen. Aber es kommt bei mir gar nicht so sehr darauf an, was ich genau mache und in welcher Umgebung – es darf einfach nicht jahrelang dasselbe und am selben unveränderten Ort sein.)

Diesmal also musste ein Umzug ins Ausland her. Gegen meine Langeweile. Aber der entscheidende Grund war das natürlich in diesem Fall nicht:

Ein kleiner Hund (Welpe) mit einem Kind auf dem Boden. Das Kind streichelt den Hudn mit einem Finger an der Nase. Mit vier Kindern und kleinem Hund umzuziehen ins Ausland, ist sehr anstrengend.
Verrückt anstrengend: Umzug ins Ausland mit vier Kindern und Baby-Hund (hier mit einem der Kinder)
Foto: sims.
Fremd sein ist eine fundamentale Erfahrungen fürs Leben

Wir sind ins Ausland gezogen, weil ich weiß, wasfür wichtige und wertvolle Erfahrungen meine Kinder hier machen werden. Selbst wenn sie nicht alle gut sein sollten.

Ich weiß, dass ich es immer als Versäumnis gesehen und bedauert hätte, wenn wir uns nicht in dieses Abenteuer gestürzt hätten:

  • Weil ich sicher bin, dass die Erfahrungen, die unsere Kinder hier machen, sie reicher machen: Sie werden sehen, dass vieles auch anders gemacht werden kann als „bei uns“. Sie lernen, dass das nicht unbedingt besser oder schlechter sein muss, sondern vielleicht nur anders. Sie lernen, offen für Neues zu sein – zwangsweise am Anfang. Aber später werden sie diese Offenheit hoffentlich behalten, weil sie hier erfahren haben werden, dass ihnen dadurch viel Gutes widerfährt: neue Freunde, schöne Erlebnisse, interessante Erfahrungen.
  • Weil die Fähigkeiten, die man braucht, um sich in einer neuen Situation, in einem neuen Land, einzurichten, nicht verloren gehen. Sie bleiben einem ein Leben lang erhalten. Man kann immer wieder auf sie zurückgreifen. Dass man es schon einmal geschafft hat, irgendwo ganz neu anzufangen, gibt einem das Vertrauen in sich selbst und die Kraft, es wieder zu tun. Und es werden noch viele neue Situationen kommen, in denen wir das brauchen können.
  • Weil wir alle im besten Fall toleranter als vorher zurückgehen in unser eigenes Land und unsere eigene Kultur: Wenn wir selbst einmal die Fremden und Neuen gewesen sind, die die Sprache nicht beherrschen, die Wege nicht kennen, die Bürokratie nicht verstehen, dann können wir z.B. die Situation von Flüchtlingen und Immigranten in unserem Land viel besser verstehen. Auch wenn wir im Gegensatz zu diesen hier absolut privilegiert sind. Wir haben es so unendlich viel leichter, das wissen wir. Dennoch lernen meine Kinder das Gefühl kennen, wie es ist, wenn man nicht dazu gehört. Und das ist fundamental. Und fundamental wichtig.
Manchmal muss man Grenzen niederreißen, um Neues zu erfahren

Und schließlich hätte ich es auch bedauert, nicht hierher zu kommen, weil ich es nicht mag, immer unflexibler zu werden. Das wird man mit zunehmendem Alter sowieso. Und das beschränkt den eigenen Horizont immer mehr. Manchmal muss man deshalb die eigenen Grenzen niederreißen und neu abstecken. Oder sie eben für längere Zeit überqueren – mit Sack und Pack.

Tipp: Menschen, die immer wieder Neues als Lebenselixier brauchen, könnte das folgende Buch interessieren: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“, Barbara Sher, dtv, ISBN 978-3-423-34740-2.


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