Mit gebundenen Händen

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18.02.2022 – Wir waren diese bzw. letzte Woche in einer sehr Expat-typischen Situation: Die Großeltern waren im Krankenhaus. Erst die Oma mütterlicherseits, dann der Opa väterlicherseits. Gerade war die eine wieder draußen, dann kam der andere rein. Und wir sitzen hier – mit gebundenen Händen – und können fast nichts machen. Nur hoffen.

Ich kenne vier Expats hier, deren Väter letztes Jahr gestorben sind

Auch das ist leider ein Teil des Lebens im Ausland: Man kann nicht so viel helfen, man hat ein schlechtes Gewissen, man macht sich Sorgen und weiß nicht, wann man besser ganz schnell die Koffer packen und heimreisen sollte und wann nicht. Ich weiß allein von vier Leuten hier in der deutschen Expat-Community, die im letzten Jahr ihre Väter verloren haben – und nicht alle haben es geschafft, sie vor ihrem Tod noch einmal zu sehen.

Nochmal gut gegangen – dieses Mal

Dieses Mal ist es bei uns noch gut ausgegangen: Die Oma ist zwar nicht gesund, aber soweit wieder hergestellt, dass sie nach Hause konnte. Der Opa hatte nicht den befürchteten Herzinfarkt und ist mittlerweile auch wieder daheim. Aber das war nicht das erste Mal, seitdem wir hier wohnen – bei beiden. Und befürchtungsweise wird es auch nicht das letzte Mal sein, dass wir solche Anrufe bekommen. Die Großeltern sind alle Mitte 70.

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Gewissenskonflikte sind vorprogrammiert

Aber soll man deshalb nicht ins Ausland gehen? Das kann auch nicht die Antwort sein. Und das würden unsere Eltern wohl auch nicht wollen. Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein, wenn man diese Entscheidung trifft, dass es zu wirklich schwierigen Situationen und Gewissenskonflikten kommen kann. Die Pandemie (die die Schweden übrigens gerade quasi abgeschafft haben) macht sie nicht einfacher.

Vorbereitungen wären möglich – aber sie sind unangenehm

Kann man sich darauf vorbereiten? Wenn man zu den wenigen Leuten gehört, die weder ein Problem mit dem Thema Tod noch mit dem Thema Kommunikation in der Familie haben, dann schon. Dann könnte man z.B. darüber sprechen, welche Erwartungen man gegenseitig hat. Ob Patientenverfügungen getroffen wurden, und wo die liegen. Man könnte ganz pragmatisch besprechen, wie die nächsten Jahre in verschiedenen Szenarien weitergehen könnten: Welche Wohnformen sich die ältere Generation vorstellen kann, wenn sie noch älter wird. Wer wann welche Anträge stellt (z.B. auf einen Pflegegrad). Auf welche Wartelisten man sich vielleicht setzen lassen könnte, damit man im Fall des Falles z.B. ein Appartment in einem betreuten Wohnheim bekäme. Man könnte absprechen, wo alle wichtigen Unterlagen/Dinge (Dokumente, Passwörter, Verfügungen, Schlüssel) aufbewahrt werden. Man könnte über Finanzen sprechen und Vollmachten verteilen bzw. erhalten. –

Aber das machen die wenigsten. Aus den verschiedensten Gründen.

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Das wird nicht mehr wieder – auch wenn alle es hoffen

Wir sehen jedenfalls im Moment, wie fragil die Gesundheit unserer Eltern zum Teil geworden ist. Und das war nichts, was von heute auf morgen passiert ist. Aber sehr lange wurde von allen Seiten auf Besserung gehofft: Das wird schon wieder. Wenn es mir erst wieder richtig gut geht, dann… – Aber das tritt nicht ein. Eher kommt immer mehr dazu. Mal größere, mal kleinere Dinge. Aber weg gehen sie nicht mehr. Der Unterschied zwischen 65 und 75 ist groß. Und der Unterschied zwischen zwei 75jährigen ist größer als der zwischen zwei 65jährigen. Die Schere geht im Lauf der Jahre immer weiter auseinander zwischen denjenigen, die noch bei recht guter Gesundheit sind und den anderen. Mediziner wissen das wahrscheinlich. Aber viele von uns haben ja mit Krankheit und Tod fast nichts zu tun, bis es die eigenen Eltern betrifft.

Nicht nur alles auf sich zukommen lassen – planen

Wir sehen gerade, wie es wichtig ist, nicht alles auf sich zukommen zu lassen. Denn irgendwann kann man sich vielleicht nicht mehr selbst entscheiden. Weil man einfach die Kraft nicht mehr hat – oder weil die geistigen Fähigkeiten nicht mehr dieselben sind wie früher. Und weil man den richtigen Zeitpunkt hat verstreichen lassen, ihn nicht erkannt hat. Also lieber früher planen und Entscheidungen treffen soweit möglich. Je mehr man vorbereitet, desto besser: für einen selbst, aber auch für die, die sonst die Entscheidungen treffen müssen.

Ungewisse Zukunft

Noch sind wir nicht so weit, dass wir irgendetwas entscheiden müssten. Aber das kann sich sehr schnell ändern.

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