Licht und Schatten

Das Leben geht weiter – mal auf, mal ab. Licht und Schatten liegen dicht bei einander. Die Kinder fühlen sich im Moment alle unterschiedlich.

Die Situation im Moment:

Kind Nr. 2 ist immer noch müde und hat Kopfschmerzen. Sie ist seit mittlerweile vier (?) Wochen zuhause, ich verliere den Überblick. Ab morgen soll sie wenigstens für zwei Stunden täglich ihr verpflichtendes Praktikum machen, auf das sie sich eigentlich sehr gefreut hatte. Es ist bei einem Physiker an der Königlich Technischen Hochschule (KTH). Ziemlich cool. Er arbeitet mit dem Hubble-Teleskop. Mal sehen, wie müde sie danach sein wird, oder ob sie so fasziniert ist, dass ihr das neue Energie gibt…

Kind 4 sammelt Freundinnen und hat viel vor

Eine Übernachtung mit den PfadfinderInnen war nur eins der Highlights für Kind Nr. 4 an diesem Wochenende.

Kind Nr. 4 ist wie immer dabei, weitere Freundinnen zu sammeln: Vorgestern war sie auf einer Halloween-Geburtstagsparty mit lauter zwei Jahre älteren Mädchen und direkt danach bei einer Übernachtung der Pfadfinder; heute ist sie schon wieder zum Spielen eingeladen worden.

Kind Nr. 3 geht es besser

Kind Nr. 3 hat seit gut drei Wochen kaum noch Kopfschmerzen gehabt und wurde in der Schule auch nicht mehr geärgert. Er hat zwar in Sport als Quartalsnote eine Vier bekommen, weil er nur zwei Mal mitgemacht hatte (durch verstauchten Knöchel Ende der Sommerferien), aber seine Lehrerin hat ihn wohl überschwänglich für sein Naturtalent beim Kugelstoßen gelobt – deshalb ist er überhaupt nicht geknickt, sondern völlig mit sich und der Welt im Einklang. Auch hat er sich getraut, ein anderes Kind mal wieder zu fragen, ob es zu Besuch kommen möchte -und es hat nicht abgelehnt, sondern nur gesagt, dass es seine Eltern fragen müsse. Ob es klappt, weiß ich noch nicht, aber es ist schön, dass er sich den Ruck gegeben und diese Initiative ergriffen hat und auch nicht gleich abgewiesen wurde.

Kind 1 hadert mit dem gymnasialen Schulsystem

Und Kind Nr. 1? Kind Nr. 1 ist total gestresst von der Schule: Sie findet das gymnasiale „System“ total anstrengend und ihren Bedürfnissen und ihrem Charakter zuwiderlaufend: die ständigen Leistungskontrollen, die schon alle fürs Abi zählen; die Überwachung während der Stunden (z.B. wenn Lehrer von hinten über die Schulter schauen); der Druck, sich in jeder Stunde melden zu sollen vor allen anderen und mit einer möglicherweise nicht ganz perfekten Antwort… das entspricht so gar nicht ihr. Wenn nur vier, fünf Leute in der Klasse wären, die sie alle mag, und die sie mögen, dann ginge es. Aber nun sind es leider ungefähr 14… In Mathe läuft es auch notentechnisch nicht gut. Ansonsten aber eigentlich schon. Es ist eben nicht mehr so wie auf ihrer alten Schule, wo sie mit denkbar wenig Aufwand gut sein konnte. Sie muss sich hier anstrengen, hat Konkurrenz und Leistungsdruck. Das ist sie nicht gewöhnt – und damit umzugehen, fällt ihr sehr schwer. Auch gibt es kaum Spielraum für Individualität: alle lesen die gleiche Lektüre, alle müssen die gleichen Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen, alle werden an den gleichen Maßstäben gemessen – obwohl sie alle natürlich nicht gleich sind. D.h. dass die Extrovertierten, die immer reden und ihr Herz auf der Zunge tragen, immer im (Noten-)Vorteil sind. Das nervt sie, weil sie so nicht ist und sein kann.

Sie will die Schule abbrechen und erst in Deutschland fertig machen

Es fällt ihr tatsächlich enorm schwer, in einem Umfeld etwas zu sagen, in dem sie sich nicht absolut sicher fühlt. Auch kam dieses Kind noch nie gut mit Druck von außen klar – sie macht sich selbst genug Stress. Zum Beispiel möchte sie ein Abi, das mindestens so gut ist wie das ihrer Mutter – obwohl sie Kunst studieren will, wofür man nicht mal ein Abi braucht! Ich habe versucht, ihr klar zu machen, dass ich nicht der Maßstab bin – mit meinem NRW-Abi schon gar nicht… an einer Auslandsschule oder in Baden-Württemberg hätte ich ganz sicher keine 1 vor dem Komma gehabt. Bisher hat es – fürchte ich – jedoch nichts gefruchtet. Im Moment ist sie auf dem Standpunkt: Sie will die Schule hier abbrechen, und wenn wir in zwei Jahren zurück sind, dann macht sie die letzten beiden Schuljahre in Berlin an ihrer alten Schule… Wir sind im Gespräch mit ihrem alten Schulleiter und ihr. Ganz so einfach wie sie sich das vorstellt, wird es wohl nicht, auch nicht in Berlin. „Augen zu und durch“, wäre ja mein Motto. Aber so weit ist sie noch nicht. Und ich weiß auch nicht, ob sie es werden wird. Für sie ist der Dauerdruck tatsächlich schlimm und die Vorstellung, ihre alten FreundInnen um sich zu haben, einige LehrerInnen schon lange zu kennen und einfach den „Vibe“ – wie sie es nennt – der alten Schule um sich zu haben, wäre für sie sehr entlastend.

Geduld und Fingerspitzengefühl sind gefragt

Wir müssen als Eltern jetzt Geduld haben, versuchen, zu verstehen und gleichzeitig mit Fingerspitzengefühl ausloten, was man dem Kind zumuten kann und muss, und wo es für sie tatsächlich unerträglich wird. Sie hat in ihrer Klasse hier immerhin ein paar nette Mädchen und Jungs, mit denen sie sich gut versteht. Und das Problem mit dem (Leistungs-)Druck und der Beurteilung von mündlicher Mitarbeit – das ist nicht neu. Bisher haben wir noch keine Lösung dafür gefunden. Wir setzen auf Zeit und hoffen, dass sie sich allmählich Strategien aneignen wird, das auszuhalten. Denn dass sich das System in Deutschland oder an deutschen Auslandsschulen schnell genug ändert, glauben wir nicht. Auch wenn wir hier in einem Land sind, in dem mich Lehrer an den hiesigen Schulen schon völlig entgeistert angeschaut haben, als ich gefragt habe, wie wichtig denn mündliche Mitarbeit sei. Eine sagte zu mir: Das könne man doch nicht bewerten, das sei ja, als ob man den Charakter bewerte – es gebe doch solche und solche Menschen… Tja, wenn das mal bei uns in Deutschland auch ankäme…

Wir werden sehen, wie es weitergeht.

Neue Kontakte für mich – ob bleibende dabei sein werden? Müssen sie das überhaupt?

Sind wir auf dem aufsteigenden Ast? Es gibt Licht und Schatten… Foto: privat.

Ich selbst habe in den letzten zwei Wochen so viele unterschiedliche Leute getroffen und kennengelernt wie in den 14 Monaten vorher nicht. Das ist schön und gleichzeitig denke ich immer schon mit: Wenn wir nur noch weitere zwei Jahre hier bleiben – bleibt dann überhaupt genug Zeit, um Leute wirklich gut kennenzulernen? Wollen die das überhaupt? Es gäbe schon die ein oder andere, mit der ich gern wieder einen Kaffee trinken und reden würde. Ich war schon immer eher jemand für wenige, intensive Freundschaften als für unverbindliche, viele, größere Freundeskreise. Aber es kostet Zeit, Leute gut kennenzulernen – und wenn ich von etwas wenig habe, dann ist es Zeit. Und wenn die anderen Leute dann auch noch berufstätig sind – anders als ich im Moment -, dann ist die Schnittmenge der Zeit, die für gemeinsame Treffen oÄm übrig bleibt, sehr klein. Aber wahrscheinlich muss ich auch das einfach auf mich zukommen lassen – eine Vorgehensweise, die mir als „Planerin“ so gar nicht liegt…! Aber wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht lehrt mich das auch in anderen Belangen mehr Gelassenheit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Bitte akzeptiere zunächst unsere Datenschutzbedingungen.