Kopfschmerzen

Kopfschmerzen in der Schule - und keine Lösung in Sicht. Foto: Keira Burton/Pexels.

26.08.2021 – Heute ist der sechste Schultag dieses Schuljahres, und ich habe schon wieder zwei kranke Kinder hier: Die 14jährige ist seit Dienstag zuhause – offenbar ein Magen-Darm-Infekt. Der 10jährige musste gestern nach den ersten zwei Stunden abgeholt werden: Halsweh, Bauch- und Kopfschmerzen. Während seine Schwester die Tage verschläft, ist der Junge die ganze Zeit ziemlich fröhlich und liest ein Buch nach dem anderen. Hat er wirklich Schmerzen? Ich frage immer mal wieder nach und lasse ihn auf einer Skala von 1 bis 10 bestimmen, wie schlimm es gerade ist. Im Moment „Hals 5, Bauch 6, Kopf 5 – und Schwindel“.

Was tun? So war das ganze letzte Schuljahr. Er hat praktisch jede Woche ein bis drei Tage gefehlt. Das zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Allmählich weiß ich schon gar nicht mehr, wo der Anfangspunkt in diesem Teufelskreis ist: Ist er so schlecht in die Klasse integriert, weil er ständig fehlt? Oder fehlt er, weil er nicht gut in die Klasse integriert ist? Er verpasst Unterrichtsstoff. Den müssen wir mehr oder weniger mühsam zuhause erarbeiten. Nur selten bekommt er Arbeitsblätter oÄm im Nachhinein von Klassenkameraden. Die LehrerInnen verweisen auf eine App, in der der besprochene Stoff der Stunden dokumentiert würde. Wenn ich nachschaue, finde ich oft nur Stichworte, die nicht immer ermöglichen, das Verpasste nachzuholen. Tafelanschriebe uÄm stehen da natürlich auch nicht. Aber es gibt auch keinen, der meinem Sohn sein Heft ausleiht oder abfotografiert. Und das sind dann sofort fehlende Punkte in Klassenarbeiten. Ich weiß nicht, wieviele Mails an LehrerInnen und Nachrichten an Eltern ich letztes Jahr geschrieben habe, um an Materialien zu kommen. Und nicht immer bekommt man sie…

Kopfschmerzen-Auslöser Nr. 1: Lärm

Die Kopfschmerzen werden bei ihm vor allem durch Lärm ausgelöst, auch mal von zu wenig/schlechtem Schlaf oder durch helles Licht. 25 Kinder in einem sehr kleinen Klassenzimmer sind natürlich nicht leise, die Neonröhren in der Schule sind hell. Spätestens ab der 4. oder 5. Stunde hat er deswegen fast täglich Kopfweh. Nur selten kommt er ohne Kopfweh durch den ganzen Schultag. Warum das dann mal klappt? Keine Ahnung.

Lärm macht krank. Auch wenn Schallwellen – wie hier im Foto – ganz harmlos aussehen. Foto: Pete Linforth/pixabay.

Mit den LehrerInnen ist abgesprochen, dass er bei beginnenden Kopfschmerzen rausgehen darf: einen Spaziergang machen auf dem Schulhof oder sich hinlegen im Arbeitsraum der einen Klassenlehrerin. Er kennt eine Entspannungsübung, die er machen könnte, hat Pfefferminzöl für die Schläfen immer dabei. Er weiß auch – theoretisch -, dass er den Akupressurpunkt zwischen Daumen und Zeigefinger drücken kann. Präventiv soll er seine Brille tragen (Weitsicht) und Ohrstöpsel gegen den Lärm. Aber er vergisst das manchmal – vielleicht ist ihm die deutlich sichtbare Brille auch unangenehm. Brillen waren ja schon immer eher uncool. Und Coolness wird zunehmend wichtiger. Wohl deshalb macht er auch die Entspannungsübung in der Schule nicht, vermute ich. Es könnte ja jemand in den Raum kommen…

Er fragt auch nicht immer, ob er rausgehen kann – das ist ja auch etwas Sichtbares vor den Klassenkameraden. Und außerdem muss man sich mit dem Lehrer/der LehrerIn ggf. darüber auseinander setzen. Nicht immer haben die PädagogInnen im letzten Schuljahr positiv reagiert, wenn er sie angesprochen hat. Mit manchen kommt man natürlich auch besser, mit anderen schlechter aus. Da ist es einfacher, schnell eine Tablette einzuwerfen. Er hat immer welche dabei. Eigentlich als letzte Möglichkeit, den Kopfschmerzen zu begegnen. Denn auch das ist ein Teufelskreis: Wenn sie einmal da sind, bleiben sie gern tagelang. Nur wenn man das ganz am Anfang unterbricht, gehen sie vielleicht wieder weg. Es gibt also ein Argument dafür, frühzeitig eine Tablette zu nehmen.

Ständige Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge und Schulpflicht

Gleichzeitig soll dieses Kind natürlich auf keinen Fall lernen, dass es ständig seine körperlichen Signale unterdrücken und nur funktionieren soll. Er soll nicht lernen, dass Tabletten eine Lösung sind. Denn das sind sie nicht. Gerade Schmerzmittel können bei falschem Gebrauch zu gravierenden Schäden führen – dialysepflichtigen Nierenschäden z.B.. Außerdem können sie langfristig sogar das Gegenteil dessen bewirken, was sie verhindern sollen: (Kopf)Schmerzen. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. beschreibt das hier sehr klar und deutlich.

Wir schwanken deshalb permanent zwischen den Polen, sind immer auf einer Gratwanderung: Sollen wir das Kind zuhause lassen, wo es ihm offensichtlich ganz gut geht (er sagt: „Ich versuche einfach, gute Laune zu haben, denn sonst ist es ja noch schlimmer“)? Wo er aber keine Kinder um sich und also nicht einmal die Chance hat, Freunde zu finden? Oder sollen wir ihn in die Schule schicken, wo er mindestens die Hälfte der Stunden am Tag Schmerzen hat (wenn er nicht schon mit Kopfweh hingeht)? Wo ihn keiner im Umgang damit anleitet und unterstützt, und er letztlich selbst entscheiden muss, ob er sich durch Rausgehen schützt – aber ins soziale Blickfeld stellt – oder lieber schnell eine Tablette einwirft? Wo aber auch Kinder sind, geistiges Futter – wenn auch gepaart mit sozialem Anpassungs- und schulischem Leistungsdruck?

Ausweg Schulwechsel?

Foto: Rodnae productions/Pexels.

Dieses Kind ist nicht dumm – im Gegenteil. Er braucht durchaus was fürs Köpfchen. Aber er kommt nicht mit dem gymnasialen Dauertesten klar. Er findet diese Schule stressig. Das hat auch mit seiner bisherigen, sehr lauen, (zu) wenig fordernden Grundschule in Berlin zu tun. Er hat es dort nicht gelernt, zu lernen, auch mal gegen Widerstände und mit Ausdauer. Aber auch seine Persönlichkeit spielt eine Rolle: Er ist in jeder Hinsicht weich – kein harter Draufgänger, kein zäher Sportler, sondern hilfsbereit, empfindsam bis empfindlich, tierlieb, sehr gerechtigkeitsliebend. Und das passt so gar nicht zu seinen Klassenkameraden, die überwiegend Fussball spielen, ein Jahr älter sind, alle schon ein Smartphone haben, sich gerne kloppen.

In einer anderen Schule wäre das wahrscheinlich nicht vollkommen anders. (Er hatte auch schon vor unserem Umzug hierher ab und zu Kopfschmerzen. Nur nicht so lange am Stück.) Aber vielleicht würde der permanente Test-Druck wegfallen. Deshalb habe ich angefangen, mit ihm über einen Schulwechsel zu sprechen. Wir hatten das auch im letzten Jahr schon diskutiert, genauso wie ein Wiederholen der Klasse – einfach, um den Druck rauszunehmen. Aber er wollte bisher beides auf keinen Fall. Wiederholen ist eine Frage der Ehre – so sieht er sich nicht. Und auf eine andere Schule wechseln ist ein großes Risiko: wieder ein Wechsel, wieder der Neue sein – und vor allem: die Sprache nicht beherrschen. Denn es könnte nur eine schwedische oder internationale Schule mit Englisch als Unterrichtssprache sein. Ich verstehe, dass er diese Alternativen nicht prickelnd findet.

Ich verschwinde allmählich

Aber ich weiß mir im Moment auch nicht mehr zu helfen. Ich weiß nur eins: Noch so ein Schuljahr wie das letzte will ich auf keinen Fall erleben. (Und dabei spielt Corona hier nicht einmal eine Rolle!) Ich habe nämlich das Gefühl, nur noch für andere, sprich: (vor allem) für meine Kinder, zu leben. Für mich bleibt nichts mehr übrig. Im Gegenteil. Ich werde durch die ständigen Sorgen um die Kinder (auch meine zweitälteste Tochter hat einen wirklich schlechten Schuljahreseinstieg erwischt – und das hat nichts damit zu tun, dass sie jetzt krank ist) zu einer denkbar langweiligen Gesprächspartnerin. Ich werde extrem unzufrieden mit meinem Leben. Und das strahle ich sicher auch aus. Wahrscheinlich werde ich sowohl von den LehrerInnen als auch den wenigen Bekannten, die ich hier habe, als überbesorgte Helikoptermutter wahrgenommen, als ewig jammernde Unzufriedene, als überkritische und verkniffene Person. Niemand, mit dem man Spaß haben kann oder sich umgeben will. Und es ist ja auch etwas dran. Ich mag mich selbst nicht so.

Foto: Somchai Kongcamsri.

Und das Frustrierendste: Es nützt nicht einmal etwas, sich diese Sorgen zu machen und zu versuchen, etwas zu ändern. Mein Sohn ignoriert sämtliche Vorträge darüber, dass man sich bei einem potentiellen, neuen Freund zuhause nicht einfach hinsetzt und seine Bücher liest, anstatt mit ihm zu spielen. Meine zweitälteste Tochter putzt trotz Aufforderungen wochenlang nicht ihre Zähne, benutzt kein Deo und ist weiterhin Außenseiterin in ihrer Klasse, nicht im Klassenchat bei WhatsApp (nach einem Jahr!) und war noch nie zu irgendjemandem eingeladen.

Unsere Belastungen sind so lächerlich im Vergleich

Das ist so schwer zu ertragen, die Kinder einsam zu sehen – wobei es für den Sohn schlimmer zu sein scheint als für die Tochter. Sie lebt und liebt ihre Bücher. Immerhin. Ein wenig entlastend für mich ist auch, dass unsere Älteste und unsere Jüngste sehr gut in ihren Klassen integriert sind. Es kann also nicht (nur) an der Erziehung liegen. Aber was, wenn wir doch bei den mittleren Kindern einfach mehr falsch gemacht haben/falsch machen als bei den anderen beiden?

Und dann schaue ich in die aktuellen Nachrichten aus Afghanistan und denke, dass wir eigentlich überhaupt kein Recht darauf haben, uns in irgendeiner Hinsicht zu beklagen. Egal, wie es uns gerade geht. Im Vergleich zu den fürchterlichen Schicksalen, die es dort gibt und geben wird, ist hier alles so lächerlich einfach.

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