Interview mit Hannes (47)

Der Optimist erwartet bessere Zeiten

1. Auf einer Skala von 1-10 (1=schlecht, 10=supergut): wie geht es Dir im Moment?

6. Weil es mir nicht supergut, aber auch nicht superschlecht geht. Die Pandemie geht mir auf die Nerven. Ich würde gerne wieder Leute treffen. Mehr Musik machen. Zu Veranstaltungen gehen. Eigentlich alles, wo man Leute trifft.

2. Was gefällt dir bisher am besten/am wenigsten hier?

Ich hab mehr Zeit für die Familie. Ich mag das Wohnen am Wasser. Ich mag den Ausblick über die Häuser und die Stadt. Stockholm ist schön. Ich habe allerdings nicht das Gefühl, dass der Familienstress weniger geworden ist. Da hatte ich mir mehr versprochen. Die Corona-Situation nervt. Ich vermisse auch meinen alten Job, obwohl ich da keine Zeit gehabt hätte – leicht widersprüchlich, aber ich habe meinen alten Job sehr gern gemacht.

3. Gibt es etwas, was dich in Schweden überrascht hat?

 Ja. Ich suche schon die ganze Zeit das Wort dafür. Die kulturellen Unterschiede sind größer, als ich gedacht habe. Das merkt man im Moment ganz besonders wegen der Pandemie-Situation, im Umgang mit der Pandemie aber auch anderen Fragen. Zum Beispiel – ich kann das noch nicht so auf den Punkt bringen… – einerseits haben die Schweden relativ starke soziale Regeln, andererseits ziehen sie die Grenzen für die Einmischung von anderen viel stärker. Und da stößt man mit einem anderen kulturellen Erfahrungshintergrund auf potenzielle Konflikte.

Es ist allgemein akzeptiert, auch in der Schule, dass Jungs und Mädchen, Frauen und Männer, gleich behandelt werden, und dass Seximus keine akzeptable Verhaltensform ist. Es wird aber in einem Fall in der Schule gleichzeitig abgelehnt, unter allen Eltern – z.B. bei einem Elternabend – offen darüber zu reden. Es werden klare Grenzen gezogen, auch gegenüber denjenigen, die sich sexistisch geäußert haben. Es wird dann 1:1 geregelt und nicht groß thematisiert. Die Regel ist klar, und der Verstoß wird individuell besprochen… das ist so ein Beispiel, aber noch nicht genau auf den Punkt gebracht. Wenn ich es schon genauer auf den Punkt bringen könnte, hätte ich es schon besser verstanden.

4. Hast Du hier schon etwas Neues kennengelernt, etwas hier zum ersten Mal gesehen oder erlebt?

Jede Menge im Job. Ich habe vorher noch nie in einer Botschaft gearbeitet. Die schon erwähnten kulturellen Unterschiede. Es ist neu, in Schweden zu leben, und im Alltag hier zu leben, aber das kann man nicht an einem Punkt festmachen. 

5. Ist Dein Job so, wie Du ihn Dir vorgestellt hast? Warum (nicht)?

Nein, weil durch die Pandemie der Job überhaupt nicht so ist, wie er vorher war, und wie ich mir vorher ein Bild davon gemacht habe.  

6. Die Kinder in Deutschland haben seit Monaten Distanzunterricht wegen der Covid19-Pandemie. Wenn sie in der Schule sind, müssen sie Masken tragen und Abstand halten, nun auch regelmäßig Schnelltests machen. - Hier in Schweden gehen die Kinder von Klasse 1-9 durchgehend zur Schule seit wir hier sind (Aug. 2020). Masken werden in der Schule nur von wenigen Kindern freiwillig getragen, Abstände gibt es nicht, Schnelltests gibt es nicht, Luftfilter gibt es nicht... Welche Vor- und Nachteile dieser Situation siehst Du für die Kinder in Deutschland bzw. in Schweden?

Der Nachteil hier in Schweden ist, dass die Gefahr für die Kinder und Familien und die Gesellschaft insgesamt deutlich höher ist, sich mit Covid anzustecken. Gleichzeitig ist es sicher ein Vorteil, und gewissermaßen auch gut für die Gesundheit der Kinder und der Familien, dass sie nicht die ganze Zeit zuhause hocken, weiterhin soziale Kontakte haben, rauskommen. Und meine Meinung dazu hat sich während der Zeit hier mindestens zwei Mal geändert. Erst fand ich es eher unverantwortlich, die Kinder nicht nach Hause zu schicken. Nach einer langen Zeit, wo die Kinder in Deutschland zuhause waren, und ich mit Freunden in Deutschland gesprochen habe, war ich eigentlich ganz froh, dass die Kinder hier zur Schule gehen können. Jetzt habe ich gerade wieder das Gefühl, die Infektionszahlen steigen so hoch, dass ich nicht so begeistert davon bin.  

7. Was könnten die Schweden von den Deutschen lernen und andersrum?

Die Schweden könnten lernen, kritischer zu hinterfragen und auch offen zu diskutieren, ob der Kurs ihrer gewählten politischen Vertreter und Behörden richtig ist. Die Deutschen könnten im Grundsatz mehr Vertrauen in ebendiese Politik und Behörden lernen und vor allem einen Geist des gemeinsamen Schaffens hier abschauen. Insgesamt sind die Schweden gelassener. Und auf eine fast schon stoische Art dem Gemeinsinn verpflichtet. Ich glaube, die Schweden könnten lernen, dass Europa mehr ist, als nur das Festhalten an dem eigenen Status quo. Dass wir es brauchen, und es nur funktionieren wird, wenn wir miteinander teilen und jeder bereit ist, von seinem Teil des Kuchens abzugeben. Konkret heißt das, Schweden wird sowohl fiskal- als auch sozialpolitisch mehr auf Europa zugehen müssen, wenn Europa funktionieren soll.

8. Wie ist das, wenn man plötzlich Ausländer ist? In welchen Situationen merkst Du, dass Du Ausländer bist?

Permanent, wenn ich an meine sprachlichen Grenzen stoße. Und eben auch bei den erwähnten kulturellen Fragen. Ich finde das eigentlich ganz spannend. Weil es mir Spaß macht, Neues zu entdecken und auch das zu entschlüsseln, diese kulturellen Unterschiede, zu verstehen, mich auf die anderen einzulassen, die andere Seite zu sehen. Oder dieselbe Sache mit anderen Augen zu sehen. 

9. Wo wärst du jetzt gern, wenn du für ein paar Stunden überall auf der Welt sein könntest? Wen würdest du dorthin mitnehmen oder treffen?

Ich würde eigentlich gerne eine große Party mit unseren Freunden aus Deutschland und neuen Freunden aus Schweden hier im Haus mit meiner Familie machen und miteinander feiern: am liebsten, dass die Pandemie vorbei ist.  

10. Wer oder was hilft Dir beim Eingewöhnen hier?

Erstmal hilft es, dass wir hier zusammen als Familie sind. Zweitens helfen die KollegInnen. Drittens hat wirklich viel mein Freund Matthias geholfen (ein Schwede).  

11. Wenn Du drei Wünsche frei hättest, was würdest Du Dir gerade wünschen? (Alles ist erlaubt und möglich.)

Richtig viel entspannte Zeit mit meiner Frau. Entweder mit wahnsinnig braven Kindern oder ohne. Ansonsten wäre ich noch gern ein berühmter Rockstar. Und außerdem hätte ich gern einen VW-Käfer. Ach so, und Weltfrieden, Klima gerettet und soziale Gerechtigkeit hätte ich auch noch gerne. 

12. Wie gehst Du damit um, wenn die Situation für Deine Familie schwierig ist, wenn es Dir selbst oder einem Familienmitglied gerade nicht gut geht?

Erstens denke ich meistens, dass alles gut wird, und wir das schon hinkriegen. Zweitens versuche ich, das dem Rest der Familie beizubringen und drittens werde ich sauer, wenn sie das nicht verstehen wollen, was viertens dann nicht so förderlich ist. – Sich an einem neuen Wohnort einzugewöhnen braucht Zeit und ist im Ausland ja auch noch durch besondere Schwierigkeiten geprägt. Besonders während einer Pandemie.

13. Kannst Du schon Schwedisch?

Min svenska är inte so bra, men det blir bättre. (Mein Schwedisch ist nicht so gut, aber es wird besser.)

14. Ein Blick in die Zukunft: Was glaubst du, wie es Dir und Deiner Familie hier in einem Jahr gehen wird? Was wird anders sein als jetzt? Wie?

Richtig gut. Wir werden nach über einem Jahr Corona erstmal richtig starten hier, Freunde treffen, das Land kennenlernen, viel unternehmen können. Bis dahin werden wir Freunde gefunden haben. Aus den Leuten, die wir bisher kennengelernt haben, werden teilweise Freunde geworden sein, auch wenn manche Familienmitglieder Schwierigkeiten haben, sich das einzugestehen. – Wir werden alte Freunde wiedergesehen haben. Ich habe jedenfalls vor, mit meiner Familie in Restaurants zu gehen, zu Rockkonzerten, zu Fussballspielen, unbefangen wildfremde Menschen umarmen – das vielleicht nicht, ist unschwedisch…  

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