Aller Anfang ist schwer

Integration ist mühsam – ist es das wert?

Steigerungsformen: Umzug – Umzug ins Ausland – Umzug ins Ausland während einer Pandemie. Wir haben es trotzdem gewagt. Davor haben wir viel darüber nachgedacht und diskutiert, ob das eine gute Idee ist. Es war von Anfang an klar, dass die Eingliederung hier nicht für alle gleich verlaufen kann. Integration ist mühsam – trotz vieler Privilegien, die wir haben. Wir konnten uns diesen Umzug aussuchen. Diesen Luxus haben viele Menschen nicht. Das wissen wir. Trotzdem ist es nicht leicht. Es war uns bewusst, dass eine/r oder mehrere von uns Schwierigkeiten haben könnten, sich einzuleben. Das ist keine pessimistische Weltsicht, sondern eine realistische: Bei sechs Personen ist diese Wahrscheinlichkeit schlicht hoch. Dann kam die Pandemie dazu. Und es ist tatsächlich mühsam geworden.

Wir wussten, warum wir mit unseren Kindern ins Ausland wollten:

  • mehr Zeit für die Familie haben
  • gemeinsame Erlebnisse mit allen vier Kindern bevor sie flügge werden (Nordlichter sehen, mit Schlittenhunden fahren, den äußersten Norden Europas kennenlernen)
  • Erfahrungen machen, die im späteren Leben helfen (einen Neuanfang meistern, sich nicht auskennen und trotzdem zurechtfinden)
  • eine andere Kultur kennenlernen und sich dadurch mit der eigenen auseinander setzen
  • eine Fremdsprache gut sprechen lernen.

Deshalb haben wir den Schritt gewagt.

Drei von vier Kindern sind bisher schlecht integriert

Jetzt leben wir seit sieben Monaten in Schweden. Und als Antwort auf die Frage: „Und? Habt ihr euch gut eingelebt?“ schauen wir skeptisch und wissen nicht recht, wie wir antworten sollen: Mein Mann sitzt die meiste Zeit zuhause im Home Office und hat kaum berufliche Kontakte knüpfen oder pflegen können – was eigentlich der wichtigste Teil seines Jobs wäre. Ich kenne nur ein paar Mütter flüchtig, verabredet war ich bisher genau zwei Mal: zu einem Mittagessen von einer Stunde (draußen natürlich) und zu einem Spaziergang. Von Integration kann man da noch nicht sprechen . Von unseren vier Kindern haben drei es bisher noch schwer: Nr. 1 (Mädchen, 15, 10. Klasse) war sehr lange krank und kann erst seit Jahresanfang 2021 wieder zur Schule gehen; Nr. 2 (Mädchen, 14, 8. Klasse) hat bisher keine Freundinnen, Nr. 3 (Junge, 10, 5. Klasse) ist in seiner Klasse auch nicht gut integriert, kämpft mit den für ihn höheren schulischen Anforderungen und reagiert darauf mit häufigen starken Kopf- und Bauchschmerzen… Nur Nr. 4 (Mädchen, 6, 1. Klasse) gefällt es ziemlich gut – auch wenn sie manchmal ihre beste Freundin in Deutschland vermisst.

Ein Mädchen sitzt mit einer Decke um die Schultern mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Bank. Vor ihr ein Spielplatz
Kind Nr.1, Oktober 2020: dauermüde und antriebslos. Foto: privat.
Kind Nr. 1: monatelang krank

Die Älteste wurde schon nach zwei Wochen Schule Anfang September 2020 krank. Wir wissen bis heute nicht, ob es Covid war. Kein Test war positiv (Corona, div. andere Viren, Schilddrüse, Antikörpertest Corona). Wir wissen nur: Was als harmloser Infekt mit Halsschmerzen, Kopfweh und etwas Husten begann, endete damit, dass sie bis Ende Dezember nicht in die Schule gehen konnte. Sie war extrem müde, litt unter schwerer „fatigue“ (Ermüdung), ihr Tag-Nacht-Rhythmus verschob sich komplett, sie schlief 16 Stunden pro Tag und war trotzdem immer müde…. Es war schrecklich. Vor allem weil wir nicht wussten, ob es je wieder besser werden würde. Deshalb hat sie auch noch einmal die Schule gewechselt: Von der internationalen, Englisch-sprachigen Schule mit langem Anfahrtsweg zur Deutschen Schule Stockholm, die wir per Auto in 10 Minuten erreichen können. Bis heute hat dieses Kind bei den leichtesten Anstrengungen (neben mir in der Küche stehen und Geschirr abtrocknen) einen Puls von 150. Und auch da wissen wir nicht, ob es wieder besser werden wird.

Überwiegend Distanzunterricht – das reicht nicht für neue Freundschaften

Immerhin kann sie seit Januar wieder zur Schule gehen – bzw. am Unterricht teilnehmen. Der wird hier für die Oberstufe zurzeit im Wechselmodell on-/offline gegeben. Von Ende Januar bis Ende März finden insgesamt vier Wochen Unterricht vor Ort in der Schule statt. Zwei davon finden zurzeit statt. Sie hat ihre KlassenkameradInnen bisher also drei Wochen im normalen Unterricht gesehen – und zusätzlich bei Klausuren, die vor Ort stattfanden. Das war´s. Das reicht natürlich nicht, um Freundschaften zu schließen. Zum Glück hat dieses Kind eine große Gruppe von treuen FreundInnen in Berlin – und Discord. Diese FreundInnen haben sie durch die schweren Monate getragen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Nr. 2 hatte gerade nette Kontakte: dann kamen Lockdown und Umzug

Die Zweitgeborene hat diese Basis leider nicht. Sie war vor unserem Umzug, vor Corona, gerade in die siebte Klasse eines Berliner Gymnasiums gekommen. Sie hat dort im Chor gesungen, nette Kontakte geknüpft. Wir haben uns darüber sehr gefreut, weil dieses Kind in der Grundschule lange unglücklich war: Dort hatte sie keine richtigen FreundInnen gefunden, wurde kaum zu Geburtstagen eingeladen, hatte selten Verabredungen. Sie erlebte sich als „anders“, und ihr wurde das auch immer wieder von den MitschülerInnen so gespiegelt. Eine hat es ihr tatsächlich einmal wörtlich gesagt: Du bist anders. Sie gehörte nicht dazu. Zum Teil nahm es mobbingähnliche Züge an. Dann kam der erste Lockdown und die zarten Freundschaftsbande aus der neuen siebten Klasse konnten nicht weiter wachsen. Es gibt jetzt zwar noch eine WhatsApp-Gruppe über die gemeinsame Lieblingsband, aber da werden hauptsächlich Band-News ausgetauscht.

Ein Handy-Bildschirm mit Icons von verschiedenen Messengern. Das Bild dient dazu, zu illustrieren, dass es um eine WhatsApp-Gruppe geht, in der Nr. 2 nicht Mitglied sein darf.
Alle im Chat – nur sie nicht. Foto: alok sharma/Pexels.
Alle sind im Klassenchat – nur unsere Tochter nicht

In Schweden ist Nr. 2 in die achte Klasse der Deutschen Schule Stockholm gekommen. Dort ist sie bis heute nicht gut integriert. In den Klassenchat auf WhatsApp ist sie bis heute nicht aufgenommen worden. Dabei war das schon oft Thema: zwischen uns Eltern und der Klassenlehrerin, zwischen uns und unserer Tochter, zwischen uns und anderen Eltern… Geändert hat sich nichts. Warum? Aus einem Lehrer-Eltern-Gespräch wissen wir: Sie wird offenbar wieder als „anders“ wahrgenommen. Zweifelsohne hat sie auch ihre Eigenheiten. Sie ist ein Bücherwurm, mag Mathe, Chemie, Physik und tut sich im Umgang mit Gruppen schwer. Dazu scheint in dieser Klasse niemand zu passen. Dieses Mal kommt eine weitere Dimension hinzu: Sie hat einen rein deutschen kulturellen Hintergrund. Und in der Klasse sind einige Kinder, die nur hier in Schweden aufgewachsen sind und sich – obwohl sie vielleicht sogar einen deutschen Elternteil haben – komplett schwedisch fühlen. Da gibt es kulturelle Unterschiede.

Kontakte außerhalb der Schule sind spärlich – Corona erschwert die Integration

Hier in Schweden liegt dieser Teenager hauptsächlich auf seinem Bett herum und liest und liest und liest… Kontakte mit Gleichaltrigen hat das Kind praktisch nur während der Schulzeit. Sie war noch nie irgendwo eingeladen. Integration ist mühsam. Bisher hat uns aus ihrer Klasse nur einmal ein Mädchen besucht. Das lief sehr gut: Die beiden haben zusammen einen Kuchen gebacken und hatten viel Spaß. Aber eine Gegeneinladung gab es nicht. Unsere Tochter geht zu den schwedischen Pfadfindern – einmal pro Woche, draußen. Sport ist nicht so ihr Ding (das gilt für die ganze Familie). Weitere Aktivitäten und Kontakte wären zwar theoretisch möglich (die Schweden haben ja keinen Lockdown, das Angebot an Freizeitaktivitäten für Kinder ist reduziert und vor allem auf Sport draußen beschränkt – aber es ist vorhanden). Doch jede Aktivität würde zusätzliche Kontakte bedeuten, mit denen sonst keine Verbindung bestünde: in Corona-Zeiten nicht vernünftig, ganz besonders hier, wo noch immer kaum Masken getragen werden – schon gar nicht von Kindern -, und die Zahlen der Infizierten dauerhaft hoch sind. Diese woche liegt die 7-Tage-Inzidenz bei 360/100.000 Einwohner. In Deutschland sind sie jetzt bei 130 ungefähr – und sprechen über einen noch härteren Lockdown. Hier ist das kein Thema.

Der 3. fühlt sich überfordert von all dem Neuen
Ein etwa 10jähriges Kind steht mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Balkon. Das Bild führt das 3. Kind ein.
Nr. 3 beim Frühjahrsputz. Foto: privat.

Das dritte Kind – ein Junge, 10 Jahre alt, 5. Klasse – ist ebenfalls bisher kaum in seiner Klasse integriert. Er hat ähnliche Erfahrungen in der Grundschule gemacht wie die Zweitgeborene. Auch werden ihm die Eltern allmählich peinlich, die Suche nach der eigenen Identität beginnt. Außerdem tut er sich hier schwer mit den höheren schulischen Anforderungen, die an ihn gestellt werden: Er kommt aus einer Montessori-Grundschule, wo er nie wirklich arbeiten musste, wo jedoch allen Kindern mit viel Wertschätzung begegnet wurde. Jetzt muss er zum ersten Mal mit reinem Frontalunterricht leben, regelmäßig Vokabeln lernen, in Englisch einiges nachholen, Hausaufgaben machen (wobei wir Eltern die Menge meistens moderat und in Ordnung finden), mitschreiben und Ordnung in seinen Heften halten. Das fällt ihm schwer.

Lücken aus der Grundschule, eine komplett andere Schulkultur, andere Corona-Regeln

Teilweise weil er Lücken aus der Grundschule mitbringt (z.B. was flüssiges Schreiben angeht und das Lernen an sich), teilweise weil es einfach sehr viel auf einmal ist, das er verarbeiten muss. Er ist ein sensibles Kind: ein neues Land, eine neue Sprache (die er auch in der Schule lernen muss), neue KlassenkameradInnen, LehrerInnen, die viel weniger Rücksicht auf Befindlichkeiten der Kinder nehmen und ihren Gymnasiallehrstoff einfach durchziehen, die es nicht gewöhnt sind, mit Kindern zu diskutieren oder ihnen Wahlmöglichkeiten zu bieten; Corona praktisch ohne Schutzmaßnahmen in der Schule, in Supermärkten, Bussen: In Deutschland hatte er gelernt, wie wichtig Masken sind – hier werden die Leute, die Masken tragen, immer noch schief angeschaut, gerade in der Schule. Die Kinder nennen sie „Maskenmenschen“…

Nr. 3 reagiert mit starken Kopf- und Bauchschmerzen

Auf all das reagiert er mit starken Kopf- und Bauchschmerzen, die manchmal wochenlang anhalten. In den Ferien klingen sie ab und sind nach wenigen Tagen komplett weg. Auch am Wochenende geht es ihm immer besser. Sobald die Schule jedoch wieder losgeht, sind auch die Kopf- und Bauchschmerzen zurück. Meistens beginnen sie in den späteren Stunden des Schultages, wenn der Lärmpegel schon eine Weile hoch gewesen ist. Konzert-Ohrstöpsel aus Silikon helfen nur bedingt. Mittlerweile haben wir Hilfe für ihn gesucht und hoffen auf baldige Besserung. Mit der Schule sind wir im Gespräch, aber ob sich da etwas für ihn ändern kann und wird, können wir noch nicht einschätzen.

Ein Kind steht links im Bild auf einem Feld, rechts ein schwarzer Hund. Im Hintergrund kahle Bäume und blauer Himmel mit weißen Wolken. Das Bild zeigt, dass der Junge sich mit dem Hund wohl fühlt.
Mit unserem Hund kann Nr. 3 entspannen. In der Schule steht er unter Stress. Foto: privat.
„Das Ausland“ ist nicht an allem schuld – Pandemie und Besonderheiten unserer Kinder spielen eine wichtige Rolle

Nun wäre es zu einfach, alles auf den Umzug ins Ausland zu schieben. Aber einige der Probleme, die unsere Kinder hier haben, hatten sie auch schon in Deutschland. Sie werden durch den Wechsel hierher, die Pandemie und die andere Schulkultur nur verstärkt und noch deutlicher sichtbar.

Besondere Begabung – bei unseren Kindern in mancher Hinsicht ein Hindernis

Unsere ältesten Kinder sind alle drei sehr begabt – und z.T. auch sehr sensibel, zum Beispiel gegenüber Lärm. Die sozialen Probleme, die Nr. 2 in ihrer Klasse in Deutschland hatte, waren der Auslöser dafür, dass die Kinder überhaupt getestet und als besonders begabt erkannt wurden. Besondere Begabung trennt häufig von der Gruppe der gleichaltrigen Peers: auch hier kann Integration mühsam sein. Soziale Probleme sind allerdings keineswegs die Regel bei begabten Kindern – dazu gibt es Studien. Diese Kinder fühlen sich jedoch oft wohler im Kontakt mit älteren Kindern. Ansonsten ist eine hohe Begabung ein Charaktermerkmal wie andere auch, bringt aber ein paar Besonderheiten mit sich. Über diese Besonderheiten sind die meisten LehrerInnen (und der Rest der Gesellschaft…) kaum informiert: Häufig haben diese Kinder z.B. einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sehr gute verbale Fähigkeiten (und damit eine Vorliebe für Diskussionen über alles), und das Grundbedürfnis, komplexe, herausfordernde Aufgaben und nur wenige Wiederholungen zu bekommen (Letzteres ist regelmäßig ein Problem in den meisten Schulen). Sie brauchen oft Hilfe bei der Selbstorganisation und beim Lernen lernen, weil sie intellektuell meistens sehr viel weiter entwickelt sind als in anderen Persönlichkeitsbereichen (sog. „asynchrone Entwicklung“).

Der richtige Umgang mit begabten Kindern ist nicht einfach

Eine hohe Begabung bedeutet auch keinesfalls automatisch Höchstleistungen; sie ist nur eine Möglichkeit für hohe Leistungen, ein Potenzial. Es war und ist auch für uns Eltern ein langer, anstrengender Lernprozess, mit diesen Kindern richtig umzugehen. Wir haben viele Fehler dabei gemacht und machen sie noch. Zum Beispiel hätten wir die mittleren Kinder in eine anspruchsvollere Grundschule schicken sollen, um Arbeits- und Lerntechniken zu lernen. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Aber wir wussten es zu den entscheidenden Zeitpunkten nicht besser: Von der besonderen Begabung wissen wir erst seitdem Nr. 2 elf Jahre alt war, Nr. 1 war da schon 13 und Nr. 3 acht, als wir davon erfuhren. Wir fingen an, uns zu informieren, aber eigentlich hätten wir viel mehr konkrete Beratung gebraucht.

Körperliche Symptome als Ausdruck psychischen Leidens

Auch die Kopfschmerzen von Nr.3 sind nichts vollkommen Neues, die gab es auch schon in Deutschland. Allerdings deutlich seltener und weniger eindeutig mit der Schule verknüpft. Auch Nr. 1 hatte ein Jahr (übrigens im gleichen Alter wie ihr Bruder jetzt, in der 5. Klasse), in dem sie die Hälfte der Schultage wegen Bauchschmerzen in der Schule gefehlt hat. Damals lebten wir in Brandenburg, sie ging zu einer sehr traditionellen Schule mit vielen Tests, Noten für Seilchenspringen auf Zeit in der ersten Klasse… : zu viel Druck, zu viel Wettbewerb für dieses Kind. Damals sind wir ihretwegen wieder nach Berlin, in die Nähe einer Montessori-Schule gezogen – ohne Noten bis zur 9. Klasse … diese Option gibt es so im Moment nicht.

Drei Kinder springen Seil in einer Turnhalle. Das Bild soll zeigen, dass das Spaß macht. Jedenfalls wenn man nicht dafür benotet wird.
Seilspringen macht Spaß – aber nicht, wenn man dafür benotet wird.
Foto: c technical/Pexels.
Pandemie und Schwedens Umgang damit erschweren das Ankommen sehr

Ein weiterer, sehr gewichtiger Grund für die Schwierigkeiten bei der Integration hier ist natürlich die Corona-Pandemie: Wir beschränken unsere Kontakte hier fast genauso wie in Deutschland. Wir haben noch keinen einzigen neuen Nachbarn eingeladen, was wir eigentlich gern am Anfang getan hätten. Wir haben noch keinerlei Museen, Kinos, Bibliotheken, Schwimmbäder und Restaurants besucht – auch wenn sie z.T. offen waren. Denn aus unserer deutschen Sicht waren und sind die „Hygienekonzepte“ unzureichend: Ein Meter Abstand zwischen den Tischen in Restaurants, bis zu acht Personen an einem Tisch. So war das am Anfang, als wir hier ankamen. Mittlerweile sind es nur noch vier Personen am Tisch, Alkohol darf nach 20 Uhr nicht mehr ausgeschenkt werden, um 20:30 Uhr schließen die Restaurants – aber der eine Meter Abstand zwischen zwei Tischen gilt immer noch den ganzen Tag über.

Alle Welt fürchtet Covid19-Aerosole und trägt Maske – nicht die Schweden!
Ein Schild im Eingangsbereich einer Arztpraxis. Die schwedische Beschriftung ruft zum Tragen eines Mundschutzes auf. Das Bild soll zeigen, dass dies erst seit kurzem in Schweden Realität ist. Integration ist mühsam während einer Pandemie, wenn damit so lax umgegangen wird.
Beim Arzt muss man erst seit kurzem Mundschutz tragen – in Supermärkten noch immer nicht. Foto: Privat.

Schwedische Behörden empfehlen erst seit wenigen Wochen und noch immer fast unwillig das Tragen von Masken („obwohl der wissenschaftliche Nachweis des Nutzens von Masken schwach ist…“) in öffentlichen Verkehrsmitteln und an anderen Orten, wo Abstand halten schwierig ist; aber nie für Kinder: Diese würden das Virus nicht so wie Erwachsene übertragen und seien keine Treiber der Pandemie… Die Übertragung des Virus über Aerosole wird noch immer nicht als Tatsache anerkannt, die Menschen werden nicht über diesen Übertragungsweg informiert (s. FAQ von Folkshälsommyndigheten, der schwedischen Gesundheitsbehörde, Stand 22. März 2021: „Är covid-19 en luftburen smitta? Nej, covid-19 räknas inte som en luftburen smitta. Vid luftburen smitta sker överföring av virus eller bakterier med små droppar eller i form av partiklar som hänger kvar i luften under lång tid och där smittan kan färdas långa sträckor. Mässling, vattkoppor och tuberkulos är exempel på infektioner som sprids på ett sånt sätt.“ – Unglaublich, aber wahr.) Abstand halten und Hände waschen werden deshalb weiterhin als wichtigste Maßnahmen im Kampf gegen Corona dargestellt… und ein Kind, das freiwillig in seiner (internationalen!) Schule eine Maske tragen wollte, wurde vor kurzem nach Hause geschickt (zum Glück verhält sich die Deutsche Schule vernünftiger).

Also versuchen wir, uns bestmöglich durch soziale Isolation selbst zu schützen. Wenn wir überhaupt andere Leute treffen (maximal einmal pro Monat), dann draußen und mit gehörigem Abstand. Die Kinder dürfen bzw. dürften andere Kinder einladen, die mit ihnen in einer Klasse sind, die sie also sowieso täglich mehrere Stunden lang im gleichen Raum sehen. Aber aus den genannten Gründen passiert das bisher nur bei unserer jüngsten Tochter regelmäßig.

Erstmal: durchhalten und zusammen halten

Wenn man diese Bilanz nach nun sieben Monaten sieht, dann fragt man sich: Ist es das wert? Hätten wir auf diesen Umzug besser verzichten sollen? Wie werden die Kinder durch diese Zeit kommen? Wir können im Moment nichts anderes tun, als durchhalten, zusammenhalten und versuchen, möglichst viel aufzufangen. Und dann werden wir in ein paar Jahren sehen, was daraus geworden sein wird. Daumen drücken!


Nachtrag

Ich lese zurzeit „Born a crime“ von Trevor Noah. Und es ist in manchen Hinsichten eine ähnliche Lebensgeschichte wie die von Michelle Obama: Beide wuchsen als offensichtlich sehr clevere Kinder in Familien auf, die Wert auf Bildung legten und ihren Kindern einiges zumuteten – weil sie es mussten. Beide Familien hatten wenig Geld. Die Kinder litten unter Diskriminierungen wegen ihrer Hautfarbe. Aber sie waren sich der Liebe ihrer Eltern sicher und wurden von diesen immer unterstützt, wenn es darum ging, eigenständiges Denken zu lernen. Was mich daran fasziniert und über unseren Umgang mit unseren eigenen Kindern nachdenken lässt: Ganz offensichtlich tat es den Kindern gut, Hindernisse überwinden zu müssen. Zwar einerseits gefördert zu werden (z.B. mit Zugang zu guten Schulen, Büchern, der Behandlung als gleichwertige/r GesprächspartnerIn), andererseits jedoch Widrigkeiten schon sehr früh kennenzulernen. Unsere Kinder haben Schwierigkeiten nur in sehr geringem Maße erlebt. Ja, soziale Probleme in der Schule bei Nr. 2 und Nr. 3. Das belastet auch. Aber ansonsten kam nicht noch viel dazu. Jetzt, hier sind die Probleme zum ersten Mal größer. Sollten wir uns also weniger Sorgen machen und das als gut und notwendig und hilfreich für ihre Entwicklung betrachten?


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Bitte akzeptiere zunächst unsere Datenschutzbedingungen.