Hilflos

Die letzten zwei Tage waren vielleicht (hoffentlich?!) unser Tiefpunkt bisher in Schweden: Gestern schloss sich unser Sohn (10, 6. Klasse) morgens ins Bad ein, als wir zur Schule losfahren wollten. Er weigerte sich vehement, dort nochmal hinzugehen. Da wir schon spät dran waren und seine Schwestern auch in die Schule musste, ließen wir ihn zuhause. Armutszeugnis für Eltern? Klar kann man das von außen erstmal so sehen. Wir fühlen uns auch hilflos.

Unaufmerksame Erwachsene und gemeine Kinder

Aber das hat ja eine Vorgeschichte. Von den Kopfschmerzen habe ich bereits an anderer Stelle hier berichtet. Sie waren nun eine Woche weniger, aber am Montag (vorgestern) wieder extrem stark – wie immer ab der 4./5. Stunde. Und dann kam wohl einiges zusammen: Schon in den ersten beiden Stunden gab es eine Gruppenarbeit, von der M. nach seiner Erzählung von drei anderen Jungs ausgeschlossen wurde, obwohl sie eigentlich zu viert hätten arbeiten sollen. Die Lehrerin hat nichts dazu gesagt (nicht mitbekommen? ignoriert? man weiß es nicht).

In den Pausen gab es mehrfach – z.T. von denselben Jungs – gemeine Kommentare. Und das natürlich nicht zum ersten Mal. Unser Kind hat kein dickes Fell. Im Gegenteil. Das merken manche Kinder und nutzen es aus. Schon letzte Woche hatte ich einmal ein weinendes Kind im Auto sitzen nach dem Abholen, weil er sich so von einem dieser Jungs gepiesackt fühle. Er wollte schon da „nie wieder in diese Schule“ gehen…

Als dann die Kopfschmerzen am Montag wieder so stark waren, fragte M. den Fachlehrer, ob er rausgehen könne. Der vertröstete ihn auf später, gab ihm dann aber kein Zeichen, wann „später“ war. So saß M. die ganze Stunde mit Kopfschmerzen im lauten Klassenzimmer – was die Schmerzen natürlich nur schlimmer macht. Da muss er beschlossen haben, dass er das nicht mehr mitmacht. Er fühlt sich in dieser Klasse, in dieser Schule einfach nicht wohl.

M. im Treppenhaus seiner hiesigen Schule. Foto: privat.

Wir fühlen uns hilflos, die Möglichkeiten sind begrenzt

Wir wissen im Moment kaum noch, wie wir ihm helfen sollen. Kein gutes Gefühl. Dabei hatten wir wirklich große Hoffnungen, dass dieses Schuljahr besser wird. Auch M. war wirklich positiv eingestellt und hatte lauter gute Vorsätze.

Wir haben nun noch einmal die Schule um Hilfe und Unterstützung für ihn gebeten. Parallel erkundigen wir uns bei der Stadt Stockholm, ob er auf eine schwedische Schule in der Stadt wechseln könnte (das ist nicht ganz klar, weil wir in einer anderen Kommune direkt nebenan wohnen). Aber natürlich birgt auch so ein Wechsel Risiken: M. kann noch kaum Schwedisch (auch, weil er sich innerlich dagegen wehrt). Er würde sich noch mehr von seinen KlassenkameradInnen unterscheiden: Er wäre dann der „Ausländer“ und nicht nur das sensible, unsportliche, viel lesende, von Kopfschmerzen geplagte Kind. Und fachlich hätte er es nach der Rückkehr nach Deutschland vermutlich schwerer, weil z.B. Französisch an schwedischen Schulen z.T. nur mit einer Stunde wöchentlich unterrichtet wird. An der Deutschen Schule sind es z.Zt. vier Wochenstunden… Weniger Leistungsdruck täte ihm u.U. zurzeit gut, auch wenn er durchaus Selbstbewusstsein daraus zieht, dass er z.B. im Vokabellernen sehr fix ist. Aber er fände es bestimmt nicht toll, wenn er bei der Rückkehr viele Lücken schließen müsste. Denn das Niveau schwedischer Schulen soll insgesamt niedriger sein, erzählt man uns hier immer wieder.

Wir haben einen Hospitationstermin mit einer schwedischen Schule hier auf der Insel vereinbart – allerdings scheint die Direktorin vor allem an der Erhöhung ihrer Schülerzahlen interessiert zu sein. Auf die Frage, wie diese Schule unseren Sohn denn ggf. unterstützen könne im Hinblick auf die Kopfschmerzen, schlug sie vor: Er könne ja mit der Schulpsychologin (Kuratorin) bzw. der Sjuksköterska (Krankenschwester) sprechen. Das Kind, das bisher kaum Schwedisch spricht und sowieso möglichst mit niemandem außerhalb der Familie seine privaten Dinge besprechen möchte… Da hatte sie sich also so richtig viele Gedanken drum gemacht und offenbar intensiv die Mail studiert, die ich ihr im Vorfeld geschickt hatte.

Was wir tun werden

Da ich selbst Mobbing als Kind bzw. Jugendliche erlebt habe – sowohl in der fünften als auch in der zwölften Klasse – weiß ich, wie schlimm es sich anfühlt. Das, was unser Sohn im Moment erlebt, ist zwar noch kein richtiges Mobbing. Aber es geht in die Richtung. Keine Freunde zu haben und ausgeschlossen zu werden, fühlt sich schrecklich an. Deshalb muss sich dringend bald etwas ändern. Als nächstes werden wir einen Antrag auf den Wechsel in die Parallelklasse stellen. Dort ist ein Lehrer Klassenleiter, der bei unserem Sohn Fachunterricht gibt, und den M. sehr mag. Außerdem hatte M. von Anfang an mehr Kontakte in die Parallelklasse, fand die Kinder dort netter. Doch der Antrag wird vermutlich abgelehnt werden (wir hatten schon einmal die KlassenlehrerInnen darauf angesprochen). Also bleibt nur: durchhalten oder die Schule wechseln.

2 Kommentare

    • Hallo, die gibt es schon, allerdings mit so hohen Schulgebühren, dass wir das nicht bezahlen können. Und da es eine Deutsche Schule vor Ort gibt, wir dort auch einen Platz bekommen haben, übernimmt die der Arbeitgeber meines Mannes auch nicht. – Und: Ich kenne das britische System nicht und weiß nicht, ob er da nicht vom Regen in die Traufe käme. Das, was wir hier an der schwedischen Schule erzählt bekommen haben, hörte sich schon nicht schlecht an: Es gibt Wochenpläne, die Kinder bekommen viel Feedback, es herrscht wenig Druck – z.B. scheint mündliche Mitarbeit als Bewertungsgrundlage nicht bekannt zu sein. Vielmehr scheint wirklich vom Kind aus gedacht zu werden. Wenn jemand zu schüchtern ist, sich im Unterricht viel zu beteiligen, darf/kann das Kind in einem anderen Setting zeigen, was es kann. Wenn das alles wirklich so umgesetzt wird, wäre das schon gut…aber das weiß man natürlich nicht, bevor man es ausprobiert hat.

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