Fun fact Schweden

Woolworth-Autos

23.02.2021

Immer wieder überraschend: wie blind man mit offenen Augen sein kann. Ich laufe hier in Schweden zwar nicht mit Augenbinde rum. Aber ich bin trotzdem teilweise blind. Denn ich bin im wörtlichen Sinn ein Kulturbanause: Ich habe keine Ahnung von der schwedischen Kultur, weil ich noch nicht lange genug hier lebe. Mir fehlt der kulturelle Kontext. Ich weiß nicht, was man trägt, wo man kauft, was man tut, was man nicht tut… Und ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber jedes Mal, wenn ich es dann wieder richtig deutlich merke, bin ich doch überrascht. Zum Beispiel bei diesem Fun Fact zu Schweden: den „Woolworth-Autos“.

Hundeplatz-Gespräche

Heute war ich mit dem Hund auf dem Hundeplatz; der einzige Ort, wo man Hunde frei rumlaufen lassen darf. Da trifft man regelmäßig die gleichen Leute. Manchmal redet man mit ihnen, manchmal nicht. Heute war ein sehr kommunikativer Tag. Ich kam ins Gespräch mit einem Mann und einer Frau, die beide auch hier auf der Insel wohnen. Sie hat eine vier Monate alte Dogge, die jetzt schon so groß ist wie mein Hovawart. Nicht klein! Und er hat einen englischen Cocker Spaniel oder sowas; jedenfalls klein, zweifarbig, schlappohrig und niedlich. Wir sprachen Englisch. Mein Schwedisch existiert bisher kaum. (Und wenn ich lieber Blog-Artikel schreibe, als meine Hausaufgaben für den Schwedisch-Kurs zu machen, dann bleibt das vermutlich noch eine Weile so…)

Beanies für 130 Euro

Ob ich die ganzen ACNE-Beanies gesehen hätte, die die Jugendlichen hier trügen, fragt mich die Frau. Nein, hab ich nicht. Das mag allerdings an meinem generellen Desinteresse an Mode liegen. Das würde ich in Berlin wohl auch erst sehen, wenn man mich drauf stoßen würde. Wie ich durch kurzes googln gerade festgestellt habe, scheinen diese Beanies im Moment bei Jugendlichen ÜBERALL sehr in zu sein. Hier eben auch. Hab ich nicht bemerkt. Die Dinger kosteten um die 2000 Kronen, sagte meine Begleiterin. Das sind rund 200 Euro. (Ok, da hat sie wohl etwas übertrieben, tatsächlich kosten sie zwischen 1000 und 1300 SEK, also rund 100 bis 130 Euro. Aber immerhin. – Und nur mal am Rande: Der Smiley darauf sieht total mürrisch aus – wieso sollte man mit sowas rumlaufen wollen?! Aber das ist nur meine 45jährige, völlig uncoole Sichtweise natürlich…) Jedenfalls: Das das trügen hier seeeehhr viele Jugendliche.

Gemischte Schülerschaft in Stockholm, aber nicht auf der Insel

Jedenfalls erzählte der Mann, dass er zwei Kinder hat, auf welche Schulen die gehen. Und er sagte, dass er ganz froh sei, dass vor allem die eine Schule (auf Södermalm, in Stockholm) eine ganz gemischte SchülerInnen- und LehrerInnenschaft habe: reiche und arme, Diplomaten und nicht, LehrerInnen mit französischem, indischem, englischem Akzent… Das sei hier auf der Insel ja ganz anders. Davon bekomme ich nichts mit, weil auch meine Kinder in Stockholm auf die Schule gehen. Und ich habe bisher kaum Kontakte zu SchwedInnen. Umzug in einer Pandemie ist ein Grund, aber es gibt weitere (dazu ein andermal). Also habe ich nachgefragt.

Gebäude mit großem Parkplatz = Autohändler?

Und ob ich die Autos gesehen hätte? Sie habe ein Au-Pair gehabt, das längere Zeit geglaubt habe, ein bestimmtes Gebäude mit einem großen Parkplatz sei ein Autohändler: Tatsächlich handelte es sich um das örtliche Gymnasium.
Denn offenbar ist es hier üblich, dass die Kinder nicht nur ab 15 ein Moped gekauft bekommen, um sich einfacher zur Schule und zurück bewegen zu können. Nein, es gibt hier so eine Art „Mini-Autos“, die man schon mit 15 fahren darf. Sie heißen „EPA-Traktoren” oder „A-Traktoren“, erklärte mir der Mann mit dem Cocker Spaniel. (Ziemlich aktuell hat z.B. die NZZ darüber berichtet.) Und die sind ein Status-Symbol unter den Jugendlichen.

Gedrosselte Karossen für 15jährige

Die EPA-Traktoren sind gedrosselte, oft selbst zusammengebaute Autos, die u.a. auf einem Serienfahrzeug basieren und eine Abschleppvorrichtung haben müssen (Anhängerkupplung, Haken oÄm.). Außerdem ist ein großes Warndreieck an der Heckscheibe Pflicht. Sie dürfen keinen Rücksitz haben, aber ein bis zwei Beifahrersitze sind erlaubt. Es gibt noch viele weitere Vorschriften, die sehr genau festlegen, wie ein solches Fahrzeug konstruiert sein darf. Sie kosten zwischen 100.000 und 160.000 SEK (also ca. 10.000 bis 16.000 Euro). Ein Fun Fact über Schweden, der mir noch nie begegnet war bis heute… (weitere Eigenheiten der Schweden gibt es z.B. hier). Man könne bis zu 45 km/h mit ihnen fahren, meinte der Mann mit dem Cocker Spaniel. Ich selbst bin schon öfter hinter welchen gefahren, die so schnell waren. Und trotz Recherche habe ich es nicht geschafft, endgültig zu klären, ob es u.U. tatsächlich zulässig ist, so „schnell“ zu sein: Auf der Seite der schwedischen Transportbehörde steht nämlich eigentlich, dass die EPA-Traktoren maximal 30 km/h schaffen dürfen… möglicherweise existiert ein Unterschied zwischen EPA- und A-Traktoren. Aber um die schwedischen Vorschriften en detail zu verstehen, ist mein Schwedisch leider zu schlecht (und google translate zu ungenau). Ich muss beim nächsten Hunde-Ausflug mal genauer nachhaken…

EPA = Billigkaufhaus

„EPA“-Traktoren ist jedenfalls ein Ausdruck, der sich auf eine alte Billigmarktkette bezieht, die Geschäfte in Schweden, Norwegen und Dänemark hatte. EPA steht dabei für Enhetsprisaktiebolaget (Einheitspreisgesellschaft). Die Kette verkaufte (laut Wikipedia) wohl eher günstige Produkte von nicht sehr hoher Qualität. EPA-Traktoren sind also quasi „Woolworth-Autos“, wenn man eine sinngemäße Übersetzung dafür finden möchte. EPA fusionierte später mit Tempovaruhusen (1978). 1985 wurden alle Tempo-Warenhäuser geschlossen oder in Ahléns-Warenhäuser umgewandelt. Ahléns gibt es bis heute. Allerdings haben diese Warenhäuser nichts mehr „Billiges“ an sich.
Die Qualität der EPA-Traktoren scheint heutzutage auch nicht mehr so gering zu sein – der Preis spricht für sich. Und hier auf der Insel scheinen die Kids auch kaum kreativ werden zu müssen, um ihre EPA/A-Traktoren zu bekommen: Was ich hier rumfahren sehe, sind mit ziemlicher Sicherheit keine selbst gebauten Autos – sondern selbst gekaufte.

Urban oder expat-legend: Alki-Autos

Und ja, die sind mir in der Tat aufgefallen. Allerdings hatte man mir erzählt – und das habe ich nicht für unwahrscheinlich gehalten -, das seien die „Alki-Autos“: Also die Autos, die Leute noch fahren dürften, die keinen Führerschein mehr hätten, aber trotzdem irgendwie von A nach B kommen müssten. (Warum die nicht den Bus nehmen oder die S-Bahn, erschloss sich mir in Stockholm allerdings nicht. Zumindest außerhalb einer Pandemie wäre das hier schließlich kein Problem.) Diese Geschichte entpuppt sich nun als falscher Fun Fact über Schweden, eher eine urban legend oder expat legend 😊.
Die EPA-Traktor-FahrerInnen brauchen durchaus einen Führerschein, nämlich den der Klasse AM. Damit dürfen tatsächlich auch vierrädrige Fahrzeuge geführt werden, die bis zu 45 km/h schnell werden. Schweden hat ein Mindestalter von 15 Jahren für den AM-Führerschein festgelegt (offenbar liegt das Alter für die einzelnen Führerscheinklassen im Ermessen der EU-Mitglieder).

Hohe Tesla/Porsche-Quote

Und so bekommen also die betuchten Jugendlichen hier auf der Insel offenbar gern ein 10-15.000-Euro-Gefährt vor die Tür gestellt, damit sie trockenen Fußes und ohne etwaige körperliche Belastung zu ihren Schulstunden vorfahren können. Hm. So richtig überrascht mich das nicht. Die Tesla/Porsche-Quote ist hier ebenfalls enorm hoch. Trotzdem. Ich möchte nicht, dass meine Kinder irgendwann glauben, das sei Standard. Deshalb ist es vielleicht ganz gut, dass sie in Stockholm auf die Schule gehen und sich nicht dem Gruppendruck am hiesigen Autohändler-Gymnasium aussetzen müssen. Es gibt genug andere Herausforderungen.

Fun Fact

Unter dem Aspekt Fun Fact in Schweden oder „kulturelle Eigenheiten“ mag ich die EPA/A-Traktoren aber: Das ist sowas, das es nirgendwo sonst gibt. Eine echte schwedische Besonderheit. Allerdings eine, auf den ich vor unserem Umzug nach Schweden trotz einiger Recherchen nicht gestoßen bin. Und selbst die EU-Vorschriften (die ja viel Gutes haben, aber eben auch manches zu sehr vereinheitlichen) konnten ihr bisher nichts anhaben. Allerdings muss es ein ziemlicher Akt gewesen sein, die schwedischen Vorschriften zu den EPA-Traktoren EU-rechtskonform zu gestalten: Allein fünf Seiten der 50-seitigen Vorschrift über EPA- bzw. A-Traktoren (VVFS 2003:19) sind gefüllt mit Bezügen zu EU-Regelungen… Die Schweden müssen schon ganz schön an ihren „Woolworth-Autos“ hängen!

Und wer noch mehr zu EPA-Traktoren lesen möchte, der findet hier noch etwas:

Regelungen zum A-Traktor in Schweden
Neueste
Grundsätzliches
Umbau eines Ford-Mustang zum A-Traktor
Wiki-Artikel
Forum
A-Traktor, Erklärung auf Englisch


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