Drei, zwei… eins

Back to school - die Zwölfklässlerin wollte nicht aufs Bild.

Der schwedische Sommer neigt sich dem Ende entgegen. Er scheint es zwar noch nicht so richtig wahrhaben zu wollen und hat es uns in den letzten Tagen noch einmal richtig gezeigt mit 30 ungewöhnlichen Grad – aber es ist so. Die Tage werden deutlich kürzer, die Sonne geht erst gegen 5:30 Uhr auf und schon um 20:30 Uhr unter… Für uns bzw. unsere Kinder ist es der Beginn des dritten und höchstwahrscheinlich letzten Jahres hier in Schweden und an der Deutschen Schule.

Ein guter Beginn – das ist viel wert

Vor zwei Tagen hat die Schule wieder angefangen – ein viel besserer Anfang als vor einem Jahr war das. Alle Kinder kamen ziemlich zufrieden zurück. Ich habe tatsächlich nichts gefunden, worüber ich mir am ersten Tag hinsichtlich der Schule hätte Sorgen machen können. Und das, obwohl ich ja Meisterin darin bin, solche Dinge zu sehen – ob sie da sind oder nicht. Vielleicht – hoffentlich – wird es ein einfacheres Jahr? (Zumindest bei uns zuhause – weltweit sieht es ja nicht danach aus…)

Entlastung für die Zweitälteste: Befreiung von den schwedischen Fächern

Sehr erleichternd für uns war, dass die Schule schon vor dem Ende der Ferien zugestimmt hat, unsere zweitälteste Tochter von den schwedischen Stunden zu befreien – wie es unser Berliner Kinderarzt nach einer Untersuchung jetzt im Sommer vorgeschlagen hat. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

Hintergrund: Da sie seit ihrer Erkrankung vor fast einem Jahr immer noch täglich Kopfschmerzen hat und viel schneller erschöpft ist als früher (Post Covid), braucht sie Ruhepausen und kürzere Tage, soweit das möglich ist. Gleichzeitig will sie nicht wiederholen. Obwohl sie monatelang gefehlt hat zu Beginn des letzten Schuljahres, obwohl sie viel Stoff verpasst hat und ihre Noten stark abgesunken sind. Sie fühlt sich sowieso schon „alt“ für ihre 15 Jahre – noch ein Jahr unter lauter Jugendlichen auf dem Höhepunkt der Pubertät will sie nicht. Wer will es ihr verdenken… Außerdem gehen wir nächsten Sommer höchstwahrscheinlich nach Berlin zurück – da braucht sie kaum Vorkenntnisse in Samhälle, Historia und Schwedisch…

Es wird ernst für die Älteste – das Abi kommt näher

Unsere Älteste war wie immer schon Tage vor Schulbeginn angespannt – sie weiß, dass es jetzt „um die Wurst“ geht: das Abi. Sie fürchtet sich und fühlt sich unter Druck, setzt sich auch selbst unter Druck. Dabei kommt es für ihre weiteren Pläne gar nicht auf die Noten an. Sowieso prüfungsängstlich sind jedoch diese langen Klausuren (Deutsch z.B. = sechs Zeitstunden!) ein Grauß für sie. Und erst die mündliche Prüfung… Aber sie hat sich schon ausgerechnet, dass sie in Mathe in allen Klausuren eine fünf schreiben kann und trotzdem besteht (sagt sie – ich hoffe, sie hat sich nicht verrechnet!). Solche Gedankenexperimente helfen ihr. Deshalb sage ich ihr auch immer wieder, dass sie die Hälfte schon geschafft hat mit dem Abschluss der elften Klasse.

Und dann????

Wir und vor allem sie dürfen nur nicht vergessen über diesem großen Abi-Damoklesschwert, was da über ihr schwebt: dass das Leben aller Voraussicht nach auch danach weitergehen wird. Sie hat zwar einen ganz groben Plan, was sie ab Sommer 2023 machen möchte, aber konkret ist noch nichts.

Auch wir Eltern müssen anfangen, uns mit neuen Gedanken zu beschäftigen für die Zeit, wenn das erste Kind mit der Schule fertig sein wird – mit gerade mal siebzehneinhalb. Was verlangen wir dann von ihr an Engagement in der Familie, wenn sie sonst nichts vorhat? Wozu drängen wir sie, wenn sie gar nichts an Beschäftigung selbst organisieren sollte? Nichts zu tun, nicht gefordert zu sein, tut ihr nämlich erfahrungsgemäß gar nicht gut. Gleichzeitig kommt dieses „Kind“ mit Druck von außen überhaupt nicht klar. Sie macht sich – wie erwähnt – genug selbst davon. Wahrscheinlich müssen wir noch ein bisschen abwarten und sehen, wie sich alles entwickelt, was sie selbst in Angriff nehmen wird und ob Anstupser von uns überhaupt notwendig werden.

Ziel: Selbständiger Siebtklässler

„Anstupser“ (oder veritable Popotritte) brauchte unser Sohn, noch 11, in den letzten beiden Jahren auch noch viele: um vor Tests etwas zu tun, um Vokabeln zu lernen, um Hausaufgaben zu machen. Aber vielleicht hat es auch da jetzt mal „geschnackelt“? Er kennt jetzt eigentlich die Abläufe an der Deutschen Schule, weiß, wie die Arbeiten aufgebaut sind (in Fremdsprachen z.B. gibt es immer drei Teile: Vokabeln, Grammatik, eigene Textproduktion). Diese etwas langweilige Berechenbarkeit hat Vorteile. Er hat in den letzten zwei Jahren Arbeitstechniken gelernt und weiß z.B., dass er ein guter Vokabellerner ist – wenn er sich denn hinsetzt. Die Erfahrung, dass es einen großen Unterschied macht, ob er sich gut vorbereitet oder nicht, hat er ebenfalls gemacht.

Nette neue Lehrer, motivierendes Technikzeugs

Das alles lässt hoffen, dass er die Herausforderungen des neuen Schuljahres selbständiger meistern wird als früher. Er war an den ersten beiden Tagen jedenfalls guten Mutes. Seinen neuen Deutschlehrer findet er sehr nett und mit dem Fach „Informatik“, dem dortigen Lehrer und dem Projekt fürs erste Halbjahr ist er hochzufrieden. Sie haben alle einen „microbit“ bekommen – einen Einplatinencomputer (vergleichbar einem Arduino oder Raspberry Pi) – mit dem sie selbst kleine Programme schreiben werden. Sehr cool… er hat gleich einen ganzen Nachmittag damit verbracht, ihn auszuprobieren.

Auch die Zweitälteste wurde technisch aufgerüstet durch die Deutsche Schule: ein niegelnagelneuer Laptop wird allen Zehntklässlern hier standardmäßig zur Verfügung gestellt. Die Tyskaskolan hat das erst vor ein oder zwei Jahren eingeführt – Covid-Pandemie sei dank. Aber wohl auch weil es an schwedischen Gymnasien absolut üblich ist, und man diesen Punkt auf der Attraktivitätsskala nicht verlieren mochte.

Das Bild zeigt die neue Flagge der Deutschen Schule, die ein neues Logo zeigt: Über blau-weißen Wellen schwebt der Schriftzug "Taska Skolan Deutsche Schule Stockholm" und eine stilisierte Kogge mit dem Hinweis "Est. 1612" rechts und links daneben.
Neue Fahne mit neuem Logo der Deutschen Schule Stockholm. Foto: privat.

Denn so richtig gute Argumente, die anstrengende Oberstufe an der Deutschen Schule auf sich zu nehmen, gibt es nicht. Man kann – EU sei dank – sowohl mit dem schwedischen als auch dem deutschen Abschluss in beiden Ländern studieren. (Mit gewissen Einschränkungen, wenn man bestimmte Fächer nicht oder nicht lange genug belegt hat). Warum also sollte man sich den Stress antun mit extrem vielen Unterrichtsstunden über drei Jahre und zwei Abschlussprüfungen? Wobei für den schwedischen Abschluss meines Wissens viel „nebenbei“ erledigt wird. Es gibt keine schriftlichen Abschlussprüfungen, die den Abiprüfungen vergleichbar wären. – Und das dann auch noch ohne einen schicken Laptop, den man an jedem schwedischen Gymnasium bekäme? Also gibt´s die jetzt an der Tyskaskolan eben auch. Unsere Tochter freut´s und zeitgemäß ist es auch.

Die Zehntklässler nutzen das Gerät auch gleich in der ersten Woche. Während viele der „schwedischeren“ Klassenkameraden zurzeit an schwedischen Gymnasien hospitieren und erst dann entscheiden, ob sie an die Tyskaskolan zurückkehren, haben die anderen eine „Filmwoche“. Sie drehen in kleinen Gruppen unter Anleitung der Kunstlehrerin Filme – in diesem Jahr zum Thema „Freiheit“. Da hilft es schon, wenn man neben einem Smartphone auch einen Laptop zur Bearbeitung des Materials hat.

Ende dieser Woche gibt es dann noch ein Highlight für die Zehner: eine zweitägige Mini-Kennenlernfahrt auf eine Schäreninsel vor Stockholm. Ein wirklich schöner Auftakt in die Oberstufe!

Technische Ausrüstung auch für die Jüngste

Bliebe noch die Jüngste, die derlei Technik-Privilegien noch nicht genießt.(Letztes Jahr in der zweiten Klasse haben sie einmal pro Woche an ipads „gearbeitet“.) Sie war nun sehr aufgeregt und glücklich, weil sie als Drittklässlerin von uns jetzt in eigenes Handy bekommen hat. Nur zum Telefonieren bzw. Schreiben von SMS natürlich, kein Smartphone. Wir haben das bei allen Kindern so gemacht, weil sie dann allmählich allein zur Schule gegangen sind. Je nachdem wie der Schulweg aussah das eine Kind mehr, das andere weniger.

Nun ist unsere Jüngste noch sehr jung für ihre Klasse (zurzeit noch 7, im Oktober wird sie 8) und der Weg zur Deutschen Schule von uns aus nicht ganz unkompliziert. Deshalb bringen wir sie zurzeit noch hin. Aber es ist ein Ziel dieses Schuljahres, dass das weniger wird bzw. ganz aufhört. Und dafür hat sie das Telefon. Dann kann sie Bescheid sagen, wenn sie einen Bus verpasst oder falsch ausgestiegen ist oder sich noch verabreden möchte. Sie findet es super und ist stolz wie bolle :-).

Alles in allem waren die ersten beiden Schultage also für alle Kinder gut. Mehr kann man sich nicht wünschen. Möge es so weitergehen!

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