Bilanz nach einem Jahr Schweden – die 15jährige

Schweden ist zu nah um außergewöhnlich zu sein

Anfang August 2021, gegen Ende der hiesigen Sommerferien:

Wie geht es Dir im Moment hier auf einer Skala von 1 (nicht gut) bis 10 (sehr gut)?

8-9.

Woran liegt das?

Ich hab Ferien, ich war bei meinen Freunden in Berlin. Es ist alles einfach ganz entspannt gerade.

Womit beschäftigst Du Dich zurzeit am liebsten? Themen? Aktuelle Bücher?

Zeichnen und mit meinen Freunden auf Discord sein – mit denen reden hauptsächlich… Alles, was so in die Richtung schminken und so geht, mach ich auch gern. „Alternative make-up“. Ich schminke mich nicht so normal, sondern so ein bisschen gruselig immer und mache Fotos und Videos davon. Ich stelle das in meinen Status auf WhatsApp. Ich habe gerade meine Haare lila gefärbt. DSA – „Das schwarze Auge“, ein Rollenspiel – spiele ich bzw. wir bereiten es vor: Wir, das sind die Leute aus dem Sommercamp, in dem ich in Deutschland war (Scharfenberg).

Lesen tue ich gerade „Long way down“ von Jason Reynolds. Und das andere ist „Bridgets Jones´ diary“ und ein Buch über Extremismus. Das ist sehr theoretisch, das ist ein bisschen anstrengend.

Erstes Halbjahr: langweilig (weil krank), zweites Halbjahr besser

Wie war das erste Jahr im Ausland/in Schweden?

Insgesamt ganz gut. Erst ein bisschen langweilig, als ich krank war (Anmerkung: Die Große war von Anfang September bis Ende Dezember 2020 krank: nach einem Infekt – ob es Covid19 war, ist ungeklärt geblieben -, litt sie monatelang unter so schlimmer Erschöpfung/fatigue, dass sie nicht in der Lage war, in die Schule zu gehen. Mittlerweile geht es ihr zum Glück wieder gut.). Aber das zweite Halbjahr fand ich ganz gut. Bisschen anstrengend mit der Schule, das war halt viel: Wir hatten viele Stunden, und es war ein neues System, das ich am Anfang noch nicht ganz so gut verstanden habe (in Berlin: Gemeinschaftsschule, hier: Gymnasium).

Als wir wieder in der Schule waren, fand ich es gut, dass ich Leute hatte, mit denen ich reden konnte. (Ab Ostern ungefähr durften in Schweden die Klassen 10 bis 12 wieder in den Präsenzunterricht; davor hatten sie von Weihnachten ab Distanzunterricht.)

Discord hilft beim Kontakthalten mit alten Freunden

Was war die größte Schwierigkeit? Was fiel Dir unerwartet leicht?

Die größte Schwierigkeit war, mit Corona Leute kennenzulernen, weil man die ganze Zeit zuhause war. Und über (Microsoft-)Teams hat man nicht wirklich was von den anderen Leuten in der Klasse mitgekriegt.

Es fiel mir unerwartet leicht, mit meinen Freunden in Berlin in Kontakt zu bleiben. Ich dachte, dass es schwerer ist, mit allen in Kontakt zu bleiben, aber eigentlich geht es. Discord hilft da sehr.

Hast Du FreundInnen hier? (Warum noch nicht)?

Schulfreunde ja. Noch nicht so gute, aber ich denke, das kommt mit der Zeit.

Gab es Überraschungen? Welche?

Ich glaube nicht. Im Sommer waren wir davor ja schon häufiger hier. Es gab eigentlich nichts, was so anders ist als als wir hier Urlaub gemacht haben.

Was nimmst Du Dir für das zweite Jahr vor?

Ich möchte, dass mein Abi gut wird. Deshalb möchte ich in der Schule gut sein. Letztes Jahr waren meine Noten durchwachsen, weil neues System, manche Sachen bei den Klausuren hab ich nicht so verstanden, wie sie das haben wollten oder fand es doof. Ich hatte auch ein paar Lücken in Mathe, musste in Französisch viel aufholen…

Ansonsten ist es alles ganz angenehm so.

Was möchtest Du noch hier tun oder erleben?

Ich würde gern hoch in den Norden fahren und Nordlichter sehen. Das finde ich cool. Oder rüberfahren nach Finnland, das fände ich auch cool.

Was hast Du bisher gelernt durch das Leben im Ausland?

Äh… ich weiß es nicht.

War es Deiner Meinung nach gut, hierher zu ziehen? Warum (nicht)? Hat Deine Beurteilung mit Covid19 zu tun?

Ja, ich fand es gut. Es ist natürlich eine gute Erfahrung, wenn man eine Zeitlang woanders gewohnt hat, als wo man immer gewohnt hat. Man lernt irgendwann die Sprache ein bisschen und man versteht wahrscheinlich andere Leute besser, die mit mehreren Kulturen aufgewachsen sind. Man lernt Englisch besser, weil man sich am Anfang damit verständigt.

Schweden hat nicht mein Lieblingsklima

Könntest Du Dir vorstellen, hier länger als die geplanten drei Jahre zu bleiben? Was spricht dafür, was dagegen?

Eigentlich nicht. Ich möchte eigentlich nicht länger bleiben, weil ich finde es zwar ganz gut, aber wenn dann will ich nochmal woanders hin. Schweden ist nicht so außergewöhnlich, es ist zu nah dran, um außergewöhnlich zu sein. Es ist auch nicht mein Lieblingsklima, es ist mir zu dunkel im Winter und zu hell im Sommer.

Könntest Du Dir vorstellen, später noch einmal ins Ausland zu gehen? Hättest Du ein Wunsch-Land oder einen Wunsch-Kontinent? Warum?

Ja. Ich würde gern nochmal woanders hingehen. Am liebsten nach New York oder nach Südkorea, nach Seoul oder Busan. Oder nach Japan. Weil ich die Kulturen von den Ländern cool finde und die Sprachen gern können würde. New York wäre cool, weil es in den Staaten liegt, was cool wäre, aber es bessere Waffengesetze dort gibt als sonst in den USA, und weil man da Englisch spricht und ich eigentlich gern perfekt Englisch sprechen würde. Dafür wäre das gut.

Vor- und Nachteile hier als Ausländer

Gibt es Vorteile, die wir hier als Ausländer (mit dem besonderen Status als Diplomaten) haben? Gibt es Nachteile?

Vorteile nicht wirklich, man kann halt bei manchen Parkplätzen parken, wo anderen nicht parken können. Ansonsten finde ich es eher anstrengend, weil die Immunitetsnummer hat, weil es dadurch anstrengender ist, sich bei Banken anzumelden, als Jugendliche kann ich kein Swish haben (Bezahldienst), man muss es ständig allen Leuten erklären…. um an eine schwedische Schule zu gehen, ist es auch komplizierter, weil man eine Schwedisch-Note aus der 9. Klasse braucht, das hat man nicht, wenn man davor nicht an einer schwedischen Schule war… alles anstrengender.

Was wünschst Du Dir im Moment am meisten?

Materielles oder nicht Materielles? Materielles: einen gaming-PC. Und sonst – ich würde gerne haben, dass Corona endlich vorbei ist und man reisen kann und man einfach rausgehen kann mit Leuten, mit mehreren… dass es wieder so ist wie vor der Pandemie, weil die sehr anstrengend ist.

Bilanz nach einem Jahr Schweden – die 6jährige

Anfang August 2021, Ende der hiesigen Sommerferien:

Wie geht es Dir im Moment hier auf einer Skala von 1 (nicht gut) bis 10 (sehr gut)?
10. Oder doch eher 9, weil ich meine Schule vermisse.

Woran liegt das?
Dass ich nicht in die Schule gehen kann, aber dass es einfach gut ist.

Womit beschäftigst Du Dich zurzeit am liebsten?
Basteln, mit Freunden spielen, essen.

Wie war das erste Jahr im Ausland/in Schweden?
Mal überlegen… Ich habe Deutschland vermisst. Eigentlich eher Berlin. Die deutsche Sprache, meine Kita und Clara – meine beste Freundin. Und meine anderen Freunde.

Was war die größte Schwierigkeit? Was fiel Dir unerwartet leicht?
Weiß gerade nicht. Leicht fiel mir die Schule.

Hast Du FreundInnen hier? (Warum noch nicht)?
Natürlich! Sogar elf!

Gab es Überraschungen? Welche?
Dass es welche in meiner Schule gibt, die deutsch sprechen. Hat mich überrascht, auch wenn es eine deutsche Schule ist.

Was nimmst Du Dir für das zweite Jahr vor?
Meine Bank aufgeräumter zu lassen (in der Schule).

Was möchtest Du noch hier tun oder erleben?
Ähm… die Nordlichter wollte ich anschauen!

Was hast Du bisher gelernt durch das Leben im Ausland?
Schwedisch!

War es Deiner Meinung nach gut, hierher zu ziehen?
Ja. Weil man schwedisch lernt.

Könntest Du Dir vorstellen, hier länger als die geplanten drei Jahre zu bleiben? Was spricht dafür, was dagegen?
Nein. Dagegen spricht, dass ich mal wieder meine Freundin Clara sehen will. Dafür spräche, dass ich weiter meine Freunde hier sähe.

Könntest Du Dir vorstellen, später noch einmal ins Ausland zu gehen? Hättest Du ein Wunsch-Land oder einen Wunsch-Kontinent? Warum?
Nö. Eigentlich doch. Mein Wunsch-Land wäre Dänemark, weil es da so tolle Restaurants gibt mit Verkleidungen für Kinder (sie meint ein Restaurant im Tivoli, Kopenhagens Vergnügungspark).

Was wünschst Du Dir im Moment am meisten?
An Geschenken wünsche ich mir ein ipad. – Ich wünsch mir auch, dass Corona weg ist und dass alle anderen Krankheiten weg sind.

Kopfschmerzen

26.08.2021 – Heute ist der sechste Schultag dieses Schuljahres, und ich habe schon wieder zwei kranke Kinder hier: Die 14jährige ist seit Dienstag zuhause – offenbar ein Magen-Darm-Infekt. Der 10jährige musste gestern nach den ersten zwei Stunden abgeholt werden: Halsweh, Bauch- und Kopfschmerzen. Während seine Schwester die Tage verschläft, ist der Junge die ganze Zeit ziemlich fröhlich und liest ein Buch nach dem anderen. Hat er wirklich Schmerzen? Ich frage immer mal wieder nach und lasse ihn auf einer Skala von 1 bis 10 bestimmen, wie schlimm es gerade ist. Im Moment „Hals 5, Bauch 6, Kopf 5 – und Schwindel“.

Was tun? So war das ganze letzte Schuljahr. Er hat praktisch jede Woche ein bis drei Tage gefehlt. Das zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Allmählich weiß ich schon gar nicht mehr, wo der Anfangspunkt in diesem Teufelskreis ist: Ist er so schlecht in die Klasse integriert, weil er ständig fehlt? Oder fehlt er, weil er nicht gut in die Klasse integriert ist? Er verpasst Unterrichtsstoff. Den müssen wir mehr oder weniger mühsam zuhause erarbeiten. Nur selten bekommt er Arbeitsblätter oÄm im Nachhinein von Klassenkameraden. Die LehrerInnen verweisen auf eine App, in der der besprochene Stoff der Stunden dokumentiert würde. Wenn ich nachschaue, finde ich oft nur Stichworte, die nicht immer ermöglichen, das Verpasste nachzuholen. Tafelanschriebe uÄm stehen da natürlich auch nicht. Aber es gibt auch keinen, der meinem Sohn sein Heft ausleiht oder abfotografiert. Und das sind dann sofort fehlende Punkte in Klassenarbeiten. Ich weiß nicht, wieviele Mails an LehrerInnen und Nachrichten an Eltern ich letztes Jahr geschrieben habe, um an Materialien zu kommen. Und nicht immer bekommt man sie…

Kopfschmerzen-Auslöser Nr. 1: Lärm

Die Kopfschmerzen werden bei ihm vor allem durch Lärm ausgelöst, auch mal von zu wenig/schlechtem Schlaf oder durch helles Licht. 25 Kinder in einem sehr kleinen Klassenzimmer sind natürlich nicht leise, die Neonröhren in der Schule sind hell. Spätestens ab der 4. oder 5. Stunde hat er deswegen fast täglich Kopfweh. Nur selten kommt er ohne Kopfweh durch den ganzen Schultag. Warum das dann mal klappt? Keine Ahnung.

Lärm macht krank. Auch wenn Schallwellen – wie hier im Foto – ganz harmlos aussehen. Foto: Pete Linforth/pixabay.

Mit den LehrerInnen ist abgesprochen, dass er bei beginnenden Kopfschmerzen rausgehen darf: einen Spaziergang machen auf dem Schulhof oder sich hinlegen im Arbeitsraum der einen Klassenlehrerin. Er kennt eine Entspannungsübung, die er machen könnte, hat Pfefferminzöl für die Schläfen immer dabei. Er weiß auch – theoretisch -, dass er den Akupressurpunkt zwischen Daumen und Zeigefinger drücken kann. Präventiv soll er seine Brille tragen (Weitsicht) und Ohrstöpsel gegen den Lärm. Aber er vergisst das manchmal – vielleicht ist ihm die deutlich sichtbare Brille auch unangenehm. Brillen waren ja schon immer eher uncool. Und Coolness wird zunehmend wichtiger. Wohl deshalb macht er auch die Entspannungsübung in der Schule nicht, vermute ich. Es könnte ja jemand in den Raum kommen…

Er fragt auch nicht immer, ob er rausgehen kann – das ist ja auch etwas Sichtbares vor den Klassenkameraden. Und außerdem muss man sich mit dem Lehrer/der LehrerIn ggf. darüber auseinander setzen. Nicht immer haben die PädagogInnen im letzten Schuljahr positiv reagiert, wenn er sie angesprochen hat. Mit manchen kommt man natürlich auch besser, mit anderen schlechter aus. Da ist es einfacher, schnell eine Tablette einzuwerfen. Er hat immer welche dabei. Eigentlich als letzte Möglichkeit, den Kopfschmerzen zu begegnen. Denn auch das ist ein Teufelskreis: Wenn sie einmal da sind, bleiben sie gern tagelang. Nur wenn man das ganz am Anfang unterbricht, gehen sie vielleicht wieder weg. Es gibt also ein Argument dafür, frühzeitig eine Tablette zu nehmen.

Ständige Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge und Schulpflicht

Gleichzeitig soll dieses Kind natürlich auf keinen Fall lernen, dass es ständig seine körperlichen Signale unterdrücken und nur funktionieren soll. Er soll nicht lernen, dass Tabletten eine Lösung sind. Denn das sind sie nicht. Gerade Schmerzmittel können bei falschem Gebrauch zu gravierenden Schäden führen – dialysepflichtigen Nierenschäden z.B.. Außerdem können sie langfristig sogar das Gegenteil dessen bewirken, was sie verhindern sollen: (Kopf)Schmerzen. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. beschreibt das hier sehr klar und deutlich.

Wir schwanken deshalb permanent zwischen den Polen, sind immer auf einer Gratwanderung: Sollen wir das Kind zuhause lassen, wo es ihm offensichtlich ganz gut geht (er sagt: „Ich versuche einfach, gute Laune zu haben, denn sonst ist es ja noch schlimmer“)? Wo er aber keine Kinder um sich und also nicht einmal die Chance hat, Freunde zu finden? Oder sollen wir ihn in die Schule schicken, wo er mindestens die Hälfte der Stunden am Tag Schmerzen hat (wenn er nicht schon mit Kopfweh hingeht)? Wo ihn keiner im Umgang damit anleitet und unterstützt, und er letztlich selbst entscheiden muss, ob er sich durch Rausgehen schützt – aber ins soziale Blickfeld stellt – oder lieber schnell eine Tablette einwirft? Wo aber auch Kinder sind, geistiges Futter – wenn auch gepaart mit sozialem Anpassungs- und schulischem Leistungsdruck?

Ausweg Schulwechsel?

Foto: Rodnae productions/Pexels.

Dieses Kind ist nicht dumm – im Gegenteil. Er braucht durchaus was fürs Köpfchen. Aber er kommt nicht mit dem gymnasialen Dauertesten klar. Er findet diese Schule stressig. Das hat auch mit seiner bisherigen, sehr lauen, (zu) wenig fordernden Grundschule in Berlin zu tun. Er hat es dort nicht gelernt, zu lernen, auch mal gegen Widerstände und mit Ausdauer. Aber auch seine Persönlichkeit spielt eine Rolle: Er ist in jeder Hinsicht weich – kein harter Draufgänger, kein zäher Sportler, sondern hilfsbereit, empfindsam bis empfindlich, tierlieb, sehr gerechtigkeitsliebend. Und das passt so gar nicht zu seinen Klassenkameraden, die überwiegend Fussball spielen, ein Jahr älter sind, alle schon ein Smartphone haben, sich gerne kloppen.

In einer anderen Schule wäre das wahrscheinlich nicht vollkommen anders. (Er hatte auch schon vor unserem Umzug hierher ab und zu Kopfschmerzen. Nur nicht so lange am Stück.) Aber vielleicht würde der permanente Test-Druck wegfallen. Deshalb habe ich angefangen, mit ihm über einen Schulwechsel zu sprechen. Wir hatten das auch im letzten Jahr schon diskutiert, genauso wie ein Wiederholen der Klasse – einfach, um den Druck rauszunehmen. Aber er wollte bisher beides auf keinen Fall. Wiederholen ist eine Frage der Ehre – so sieht er sich nicht. Und auf eine andere Schule wechseln ist ein großes Risiko: wieder ein Wechsel, wieder der Neue sein – und vor allem: die Sprache nicht beherrschen. Denn es könnte nur eine schwedische oder internationale Schule mit Englisch als Unterrichtssprache sein. Ich verstehe, dass er diese Alternativen nicht prickelnd findet.

Ich verschwinde allmählich

Aber ich weiß mir im Moment auch nicht mehr zu helfen. Ich weiß nur eins: Noch so ein Schuljahr wie das letzte will ich auf keinen Fall erleben. (Und dabei spielt Corona hier nicht einmal eine Rolle!) Ich habe nämlich das Gefühl, nur noch für andere, sprich: (vor allem) für meine Kinder, zu leben. Für mich bleibt nichts mehr übrig. Im Gegenteil. Ich werde durch die ständigen Sorgen um die Kinder (auch meine zweitälteste Tochter hat einen wirklich schlechten Schuljahreseinstieg erwischt – und das hat nichts damit zu tun, dass sie jetzt krank ist) zu einer denkbar langweiligen Gesprächspartnerin. Ich werde extrem unzufrieden mit meinem Leben. Und das strahle ich sicher auch aus. Wahrscheinlich werde ich sowohl von den LehrerInnen als auch den wenigen Bekannten, die ich hier habe, als überbesorgte Helikoptermutter wahrgenommen, als ewig jammernde Unzufriedene, als überkritische und verkniffene Person. Niemand, mit dem man Spaß haben kann oder sich umgeben will. Und es ist ja auch etwas dran. Ich mag mich selbst nicht so.

Foto: Somchai Kongcamsri.

Und das Frustrierendste: Es nützt nicht einmal etwas, sich diese Sorgen zu machen und zu versuchen, etwas zu ändern. Mein Sohn ignoriert sämtliche Vorträge darüber, dass man sich bei einem potentiellen, neuen Freund zuhause nicht einfach hinsetzt und seine Bücher liest, anstatt mit ihm zu spielen. Meine zweitälteste Tochter putzt trotz Aufforderungen wochenlang nicht ihre Zähne, benutzt kein Deo und ist weiterhin Außenseiterin in ihrer Klasse, nicht im Klassenchat bei WhatsApp (nach einem Jahr!) und war noch nie zu irgendjemandem eingeladen.

Unsere Belastungen sind so lächerlich im Vergleich

Das ist so schwer zu ertragen, die Kinder einsam zu sehen – wobei es für den Sohn schlimmer zu sein scheint als für die Tochter. Sie lebt und liebt ihre Bücher. Immerhin. Ein wenig entlastend für mich ist auch, dass unsere Älteste und unsere Jüngste sehr gut in ihren Klassen integriert sind. Es kann also nicht (nur) an der Erziehung liegen. Aber was, wenn wir doch bei den mittleren Kindern einfach mehr falsch gemacht haben/falsch machen als bei den anderen beiden?

Und dann schaue ich in die aktuellen Nachrichten aus Afghanistan und denke, dass wir eigentlich überhaupt kein Recht darauf haben, uns in irgendeiner Hinsicht zu beklagen. Egal, wie es uns gerade geht. Im Vergleich zu den fürchterlichen Schicksalen, die es dort gibt und geben wird, ist hier alles so lächerlich einfach.

Das zweite Schuljahr im Ausland

Neues Schuljahr, mehr Glück?

Die Ferien sind fast vorbei. Übermorgen geht es wieder los mit der Schule. Manche Eltern freuen sich vielleicht darauf. Die Kinder sind dann endlich wieder ein paar Stunden am Tag beschäftigt – zumindest sofern kein neuer Lockdown kommt in Deutschland. Ein Lockdown droht in Schweden nicht. Aber trotzdem macht mir das neue Schuljahr eher etwas Bauchschmerzen.

Die Stundenpläne stehen schon im Netz. Und mein Sohn (10 Jahre, 6. Klasse) hat seine beiden LieblingslehrerInnen anscheinend gar nicht mehr. Die hatten zwar nur zwei Nebenfächer bei ihm, aber sie waren Lichtblicke. Französisch kommt als neue Sprache dazu, zwei Mal findet es in der letzten Stunde statt. An mehreren Tagen hat er unwichtige Nebenfächer mitten am Tag – und die Hammer-Hauptfächer ganz am Ende. Der längste Tag ist der Freitag: 8 bis 15 Uhr. Insgesamt wirklich kein angenehmer Stundenplan. Vor allem für ihn: Er bekommt häufig Kopfschmerzen ab der 4./5. Stunde, weil er sehr lärmempfindlich ist und sich leicht stressen lässt.

Wird das zweite Schuljahr besser für das Kind, das am wenigstens hierher wollte?

Ausgerechnet dieses Kind, das am wenigsten nach Schweden wollte. Das Kind, das noch immer keine richtigen Freunde gefunden hat. Das Kind, das überhaupt nicht robust ist. Ich habe wirklich Bammel, wie das ablaufen wird… Im letzten Jahr hat er sehr häufig gefehlt. Das macht die Sache natürlich nicht einfacher – weder in sozialer Hinsicht noch beim Lernen. Es fehlen dann Materialien, Zusammenhänge, Übung, schöne Erlebnisse und Situationen mit den KlassenkameradInnen. Vor den Sommerferien hat er einmal zu mir gesagt: „Ich glaube, dass es im nächsten Schuljahr besser wird mit den Kopfschmerzen. Ich weiß jetzt besser, wie diese Schule funktioniert.“ Ich hoffe so, dass er recht hat. Und dass er einen Freund findet unter den neu hinzukommenden Kindern. Damit würde so vieles so viel leichter.


Die anderen drei – unsere Mädchen – machen mir (zurzeit!!) keine solchen Sorgen. Die Zweitälteste erklärte mir neulich, sie habe vor, sich jetzt auch mal richtig auf ihre Klassenarbeiten vorzubereiten: Sie sei ja nicht schlecht in der Schule, aber da sei „noch Luft nach oben“. Okay… Irgendein Areal im Gehirn dieser 14jährigen (Ehrgeiz?) scheint jetzt fertig umgebaut zu sein. Das Ordnungs-Areal ist es jedenfalls nicht! Auch sie hofft auf mehr Kontakte im neuen Schuljahr. Immerhin hat sie wohl bei ihrem Pfadfinder-Sommerlager ein sehr nettes, schwedisches Mädchen besser kennengelernt. Ich hoffe, der Kontakt setzt sich fort.


Die Jüngste kommt sowieso gut klar. Sie geht jetzt in die zweite Klasse. Demnächst ist ihr 7. Geburtstag. Sie freut sich sehr darauf, ihre Freundinnen wiederzusehen. Dieses Kind hat nie Kontaktprobleme. Sie ist überall beliebt – bei Kindern und LehrerInnen. In der Schule ist sie still, zurückhaltend und brav, nur leicht unordentlich. Ihr liegt viel daran, alles richtig zu machen – deshalb sagt sie im Schwedisch-Unterricht wohl kein Wort: Dort erklärte man ihr, man dürfe nur Schwedisch sprechen. Zuhause redet sie wie ein Wasserfall.

Schwierige Elternaufgabe: Die Balance zwischen Anfeuern und Beruhigen finden

Die Älteste ist nervös, wenn sie an das neue Schuljahr denkt. Es ist ihr vorletztes. D.h. ab jetzt zählt alles fürs Abi. Das setzt sie unter Stress. Sie will unbedingt einen guten Abschluss machen, obwohl sie ihn für ihr geplantes Kunst-Studium eigentlich nicht braucht. Aber es ist eine Frage der Ehre. Und nicht ganz so leicht zu erreichen: Ihre Französisch-Kenntnisse sind immer noch nicht so gut wie die ihrer KlassenkameradInnen. Sie hatten zwei Jahre mehr Unterricht als sie. Und durch einen Sprung von Klasse 8 in Klasse 9 hat sie auch in Mathe manches verpasst. Zwar hat sie das nun in den Sommerferien systematisch nachgeholt. Aber die neue Mathe-Lehrerin musst noch überzeugt werden, dass sie ihr etwas zutrauen kann. Es ist eine schwierige Balance zwischen Anfeuern und Beruhigen bei diesem Kind: Man muss ihr unbedingt den Druck nehmen, sonst geht gar nichts. Gleichzeitig muss man ihr klar machen, dass man ihr viel zutraut. Nicht einfach.

Immerhin fühlt sie sich in ihrer Klasse sehr wohl. Auch sie ist – wie die Jüngste – eine Künstlerin darin, gemocht zu werden. Wenn doch nur Kind 1 und 4 den beiden mittleren ein wenig von diesem Talent abgeben könnten. Sie sind auch sehr liebenswert, aber eigen…


Und ich? Mich stresst das alles. Ich leide viel zu sehr mit den Kindern mit. Das ist mir durchaus bewusst. Ich versuche, ihre Nöte zwar ernst zu nehmen, aber nicht selbst zu durchleben. Das gelingt mir aber nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn es um mangelnde Freunde geht. Ich weiß zu gut aus eigener Erfahrung, wie allein man sich fühlen kann als Kind. Und wie lang einem die Zeit wird, die uns Erwachsenen so wahnsinnig kurz vorkommt. Mir graut quasi jetzt schon vor dem Umzug in zwei Jahren. Für meinen Sohn sind zwei Jahre der Riesenschritt vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen.

Klassisches Gymnasium mit Extras

Wenn ich wenigstens bei der Schule insgesamt ein gutes Gefühl hätte. Dann wäre es einfacher. Aber dieses klassische Gymnasium, in dem Gepflogenheiten kultiviert werden, die in Deutschland kaum noch vorkommen (aufstehen, wenn der Lehrer den Raum betritt z.B.), hätte ich im Inland nie für (alle) meine Kinder gewählt. Zu viel Frontalunterricht, zu viel Noten- und Testfixiertheit, zu wenig Raum für Persönlichkeitsentwicklung, zu wenig moderne Pädagogik. Aber auch die Rückkehr nach Deutschland soll für die Kinder nicht zu kompliziert werden. Nicht in jeder Klassenstufe kann man problemlos wieder einsteigen, wenn man vorher in einem anderen Schulsystem war. Und nicht jedes Kind ist bereit, neben einer neuen Schule auch noch eine komplett unbekannte Sprache zu akzeptieren, wenn es eben auch anders geht. Also – auf ein Neues und hoffentlich „okayes“ Schuljahr!

Bilanz nach einem Jahr in Schweden

14 und ein bisschen weise

Wie geht es Dir im Moment auf einer Skala von 1 (nicht gut) bis 10 (sehr gut)?

9.

Ich fühl mich sehr wohl hier, ich mag das Haus sehr, die Umgebung. Es ist nett, dass auf Lidingö jeder grüßt. Obwohl man die Leute gar nicht kennt. Man kann sich meistens auch mal kurz gut unterhalten, wenn man Leuten auf der Straße begegnet, wenn man mit dem Hund unterwegs ist oder so.

Und es sind gerade Ferien. Das ist ein toller Faktor, weil dadurch hat man viel mehr Freizeit und kann machen, was man will.

Womit beschäftigst Du Dich zurzeit am liebsten?

Ich lese sehr viel auf Wattpad – eine Internetseite/App für junge Autoren, die darüber Geschichten teilen können.

Ich schreibe gerade auch ne Geschichte. Die spielt in einer Welt, in der Werwölfe existieren. Es geht um ein Mädchen, bei der die Mutter bei der Geburt der kleinen Schwester gestorben ist. Deshalb ist der Vater in Depressionen verfallen und alkoholsüchtig geworden. Deshalb hat sie mit ihrer älteren Schwester die Verantwortung für die kleine Schwester gekriegt hat. Die ältere Schwester ist drei Jahre älter, die ist aber von zuhause abgehauen, sobald sie erwachsen war, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat. Und sie ist eigentlich ziemlich schlau, aber weil sie sich um ihre Geschwister kümmern muss, kann sie das nicht komplett ausleben… Prolog und erstes Kapitel habe ich schon, bin also noch ganz am Anfang, habe es aber schon ziemlich genau im Kopf.

Wie war das erste Jahr im Ausland/in Schweden?

Es hat sich gar nicht mal so anders angefühlt als in Berlin. Der einzig hervorstechende Unterschied war, dass es eine komplett andre Sprache ist. Und naja, sonst nicht wirklich viel, weil man durch Corona auch nicht so viel erleben konnte. Was man schon gemerkt hat, war der Unterschied der Corona-Regelungen, da die Schweden das ziemlich locker sehen. Und man merkt auch, dass man einen Teil der Einstellungen dann schon übernimmt, dass man es nicht mehr so eng sieht… Das ist mir aufgefallen, als eine Freundin mir erzählt hat, dass sie jetzt in der Schule die Klassen geteilt hätten und die ganze Zeit FFP-II-Masken tragen müssten, die ganze Zeit das Fenster offen stünde, sie sich auf dem Schulhof nur in einem Bereich für ihre Klasse aufhalten dürfte… das fand ich dann schon etwas extrem.

Auch in meinem Sommercamp in Deutschland, wo ich jetzt war, was da manche erzählt haben, das waren schon ziemlich gravierende Unterschiede – aber die waren durch den unterschiedlichen Umgang mit Corona verursacht.

Was war die größte Schwierigkeit? Was fiel Dir unerwartet leicht?

Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht ist, diese Sprache kennenzulernen, so dass man sie versteht und lesen kann. Sprechen ist nochmal was anderes.

Schwierigkeit: Sich trotz Corona an das Leben hier, auch mit Schule und so, anzupassen, weil man das komplett anders gewöhnt war. Auch der Unterricht (der Stoff) war z.T. komplett anders. Ich musste ja ein Jahr Französisch aufholen, das war wohl eine der schwierigsten Sachen. Es ist mir im Grunde ziemlich leicht gefallen, aber das war zusammen mit der neuen Sprache am anstrengendsten. Ich wollte die neue Sprache unbedingt lernen, weil es mir unangenehm ist, auf der Straße angesprochen zu werden, und nicht helfen zu können. Oder an der Bushaltestelle z.B., wenn eine Person sich unterhalten will – ältere Personen z.B., wenn die übers Wetter reden wollen oder so…

Hast Du FreundInnen hier?

Gute Bekannte und vielleicht auch Freunde. Das ist ein bisschen schwierig zu definieren, weil ich nicht so gut darin bin, neue soziale Kontakte zu schließen. Und die Personen, mit denen ich mich gut verstehe, habe ich so lange nicht gesehen jetzt (wegen der Ferien). Und ich kann es ja nur von meiner Seite aus sagen. Ich kann nicht so einschätzen, wie die mich finden…

Gab es Überraschungen?

Meine Klasse. Die ist etwas verrückt, wenn man das so sagen darf. Z.B. wäre meine alte Klasse nie auf die Idee gekommen, im Klassenzimmer und auf den Fluren eine Schneeballschlacht zu veranstalten…

Dass es mir so leicht fiel, die Sprache zu verstehen. Hätte ich nicht gedacht. Wenn ich einen Text lese oder so, kann ich das im Großen und Ganzen verstehen. Natürlich sind immer wieder Wörter drin, die man nicht kennt. Aber man kriegt schon auch viel mit, z.B. wenn die Leute in meiner Klasse Schwedisch sprechen.

Was nimmst Du Dir für das zweite Jahr vor?

Das ist nicht unbedingt für das zweite Jahr hier, aber generell für das nächste Jahr hab ich mir vorgenommen, für meine Klassenarbeiten richtig zu lernen. Ich bin ganz gut in der Schule, aber da ist noch Potenzial nach oben, und das will ich jetzt mal richtig ausschöpfen. Ich weiß nicht, ob es was bringt, aber man kann ja mal versuchen, alles zu bringen und nicht nur 50%… man kann sich ja immer verbessern.

Ich würde auch gern wirklich das Sprechen im Schwedischen können nach dem zweiten Jahr.

Was möchtest Du noch hier tun oder erleben?

Ich will in den Freizeitpark hier in Stockholm gehen, der soll ziemlich cool sein (Gröna Lund). Man muss es ausschöpfen, dass man so nah am Meer wohnt und in der Nähe von Seen – also viel schwimmen gehen.

Wenn ich mal schwedisch gut kann, dann will ich auf jeden Fall mal in diese große Bibliothek gehen (Stadsbibliotek) und da lesen. Das ist ein Traum für jede Leseratte.

Ich möchte in den Freizeitpark gehen!

Sonst lass ich alles mal auf mich zukommen.

Die große „Stadsbibliotek“ in Stockholm hat einen imposanten Saal in der Mitte.

Was hast Du bisher gelernt durch das Leben im Ausland?

Menschen sind verschieden und trotzdem verhalten sich die meisten Menschen im Grunde genommen gleich, auch wenn sie aus anderen Ländern kommen. Wir sind alle Menschen und haben die gleichen Gefühle und Empfindungen, denken über ähnliche Sachen nach… Dafür muss man nicht im Ausland gelebt haben, aber es ist schon eine der prägendsten Erfahrungen. Es macht keinen Unterschied, ob man in Ägypten oder Korea geboren wurde – alle sind einfach Menschen. Im Hinblick auf Gefühle und Empfindungen sind wir alle gleich.

War es Deiner Meinung nach gut, hierher zu ziehen? Warum (nicht)? Hat Deine Beurteilung mit Covid19 zu tun?

Ja – allein um eine neue Umgebung kennenzulernen. Stockholm ist ja komplett anders als Berlin. Also der Aufbau der Stadt, die Art, sich fortzubewegen. Hier fahren z.B. enorm viele Leute Rad. Auch die Öffentlichen sind anders. Ich hab das noch nicht durchschaut. Aber wegen Covid konnte ich ja auch nicht viel ÖPNV fahren.
Auch um eine zusätzliche Sprache zu lernen, ist es gut. Ich denke, jede Sprache, die man kann, ist ein weiterer Pluspunkt für später. Wenn man sich bewerben will oder eine Weltreise machen möchte. Je mehr Sprachen man spricht, desto mehr Vorteile hat man, denke ich. Z.B. wenn man Französisch kann, das spricht man ja in mehreren Ländern der Welt, dann kann man sich also nicht nur in Frankreich sondern auch dort gut orientieren.

Schwedisch ist ja zB dänisch ziemlich ähnlich oder auch viele Wörte sind ähnlich zu Englisch. Wenn man Schwedisch kann, kann man auch viele andere nordische Sprachen leichter lernen und verstehen, weil sie sich alle ziemlich ähnlich sind. Also durch Schwedisch hat man eigentlich drei Länder abgedeckt: Dänemark, Schweden und Norwegen. Und wenn man Übersetzerin werden möchte, dann ist es auch praktisch. In Schweden werden ja gute Bücher geschrieben. Ich könnte mir das als Beruf z.B. vorstellen.

Könntest Du Dir vorstellen, hier länger als die geplanten drei Jahre zu bleiben? Was spricht dafür, was dagegen?

Ja, könnte ich. Schweden ist schön, und ich mag es hier.

Es ist halt nicht mein Heimatland, der Großteil meiner Familie lebt immer noch in Deutschland, den kann ich dann nicht so oft sehen. Bei einem Großteil meiner Freunde ist es genauso. Aber ich fände es schon auch schön, hier zu bleiben (länger).

Könntest Du Dir vorstellen, später noch einmal ins Ausland zu gehen? Hättest Du ein Wunsch-Land oder einen Wunsch-Kontinent? Warum?

Ja, auf jeden Fall.

Wie schon gesagt: ich finde es interessant, immer neue Sprachen zu lernen und neue Länder kennenzulernen. Auch in einem anderen Schulsystem zu sein, fände ich interessant. Ich würde gern nach Asien, weil ich Animes und Mangas sehr gern lese und gucke und auch ein Fan von K-Pop bin. Die Sprachen finde ich auch faszinierend und die ganz andere Art von Kultur. Ich würde auch gern nach Südamerika, ins Amazonas-Gebiet. Der fasziniert mich auch sehr. Ägypten fände ich auch toll, weil ich Geschichte auch sehr mag und Ägypten eine sehr faszinierende Geschichte hat. Aus demselben Grund wäre auch Griechenland sehr interessant für mich. Aber am liebsten würde ich auch wirklich gern auf einen anderen Kontinent. Nordamerika oder Asien, Australien wäre natürlich auch interessant.

Also eigentlich bin ich so ziemlich offen für alles, nur Afrika ist mir vielleicht zu heiß.

Gibt es Vorteile, die wir hier als Ausländer (mit dem besonderen Status als Diplomaten) haben? Gibt es Nachteile?

Die Diplomaten-Parkplätze in der Stadt sind praktisch. Da darf man mit Diplomatenkennzeichen einfach parken, wenn von der Botschaft gerade niemand den Parkplatz braucht. Anonsten ist es nämlich schwierig mit Parkplätzen in Stockholm. Man bekommt auch leicht Strafzettel – und die sind immer sofort sehr teuer (90 Euro oder so, nicht wie bei uns 10…). – Es ist ein bisschen schwierig mit der Personennummer, weil man darüber alles regelt. Und Diplomaten haben ja keine richtige Personennummer, sondern eine andere und damit hatten wir am Anfang ein bisschen Schwierigkeiten bei den Ärzten oder so.

Was wünschst Du Dir im Moment am meisten?

Gute Frage. Dass Corona verschwindet und dass meine Familie gesund bleibt. Sonst – ich bin eigentlich ziemlich zufrieden mit meinem Leben im Moment.

Ich bin ziemlich zufrieden mit meinem Leben.

Widersprüchliche Gefühle in Berlin

Der erste Heimat-Urlaub

Wir haben den ersten Urlaub in der alten Heimat gemacht – nach fast einem Jahr im Ausland: zweieinhalb Wochen Berlin, Freunde besuchen, Familie sehen, auf alten Pfaden wandeln. Wasfür widersprüchliche Gefühle! Ist Berlin wirklich so wunderbar, wie es in einer Bier-Werbung besungen wird?

Große Wiedersehensfreude, Sich-wohl-und-kompetent-Fühlen in der eigenen Kultur. Aber auch Überraschung darüber, dass wir doch schon ein wenig anders zu ticken scheinen: die vielen Masken überall, die allgegegenwärtigen Teststationen für Covid19-Tests. Das kommt uns fast ein bisschen übertrieben vor. Auch wenn es ein größeres Sicherheitsgefühl vermittelt. Das kennen wir aus Schweden nicht. Hier kosten Schnelltests für Reisen immer noch mindestens 40 Euro pro Stück, PCR-Tests eher 100. Und man macht sie nur, wenn man unbedingt muss – z.B. wenn man reisen möchte. Für Restaurantbesuche (auch innen), das Schwimmbad oder Museen braucht man sie nicht (in Deutschland jetzt im Moment auch nicht mehr überall).

Im ÖPNV in Berlin herrscht FFP2-Pflicht. In Schweden tragen noch immer die wenigsten Leute Masken. Fotos: privat.

Mir stößt sie auf: die Raubeinigkeit

Und dann gibt es noch die anderen widersprüchlichen Gefühle: einer fühlt sich in der Berliner Großstadt wie ein Fisch im Wasser, in seinem natürlichen Habitat. Der andere kann sich kaum vorstellen, wieder dort zu leben. Je länger wir da sind, desto lauter, dreckiger und unfreundlicher kommt mir die Stadt vor. Vor allem nach einem Kurztrip in den Süden Deutschlands fällt mir die Raubeinigkeit in Berlin besonders stark und unangenehm auf. Warum macht man sich hier so gern gegenseitig das Leben schwer? Es ist so viel angenehmer, wenn die Leute freundlich miteinander umgehen. Vielleicht empfinden die BerlinerInnen das nicht so, weil sie den „Code“ besser verstehen als ich. Aber ehrlich gesagt – ich glaube das nicht.

Denn auch die BerlinerInnen regen sich ja darüber auf, wie blöd die Busfahrer oft sind, wie unfreundlich manche Leute beim Bezirksamt oder einfach irgendwelche Fremden im Supermarkt und auf der Straße. Ich wurde zwar auch schonmal in Bayern übel angeschnauzt, als ich als Studentin nicht auf dem Kopfsteinpflaster sondern dem Bürgersteig Fahrrad fuhr. Aber das war ein einziger Wutausbruch, der zudem nachvollziehbar war. In Berlin kann ich gar nicht zählen, wie oft ich mich schon schlecht gefühlt habe, weil mir Leute aus unerfindlichen Gründen einen blöden Spruch an den Kopf geknallt haben. Dieses Mal war es vor allem eine blöde Anmache meiner 15jährigen Tochter durch eine Gruppe mittelalter, widerlicher Männer,. Ekelhaft. Erschreckend für den Teenager. Und natürlich eher dem Kulturkreis, der Generation und der Bildung der Männer zuzuordnen als Berlin. Aber trotzdem. Es war nicht die einzige solche Situation. Ich habe auch miterlebt, wie eine Gruppe von jungen Männern einem alten Ehepaar Obszönitäten nachgerufen hat. Ohne dass es einen erkennbaren Grund gab. In Stockholm bekomme ich sowas vielleicht noch nicht so mit, weil die Sprachbarriere noch hoch ist. Aber mir kommen die Leute insgesamt im täglichen Umgang freundlicher vor.

Schöne Seiten: Berlinale auf der Museumsinsel

Es gab und gibt aber natürlich auch die schönen Seiten von Berlin: Wir hatten z.B. Karten für die Berlinale ergattert. Dieses Jahr fand sie fürs Publikum im Sommer draußen statt. Meine älteste Tochter und ich haben einen tollen Film auf der Museumsinsel gesehen („Herr Bachmann und seine Klasse“). In einer lauen Sommernacht unter freiem Himmel. Aber dafür kann man auch mal extra in die Stadt fahren, oder?

Zwei Karten für die Berlinale hatte ich online ergattert – für den längsten (Dokumentar-)Film der Berlinale: „Herr Bachmann und seine Klasse“.

Bin ich zu alt für Berlin?

Vielleicht bin ich auch einfach zu alt mittlerweile für das „hustle and bustle“ solcher Städte. Ich bin als Studentin mit Mitte 20 nach Berlin gekommen – da war es genau richtig. Über die Nachteile habe ich hinweggesehen, die Vorteile genossen. Mittlerweile sind aber auch ein paar gravierende Nachteile neu dazu kommen: z.B. die Miet- und Kaufpreise für Immobilien und die sommerliche Hitze. Der Klimawandel macht sich in Berlin/Brandenburg seit Jahren bemerkbar. Die Region ist mittlerweile die wärmste in ganz Deutschland. Im Sommer bedeutet das fast jedes Jahr wochenlange Hitze, extreme Trockenheit mit Waldbränden und viele „Tropennächte“ über 20 Grad Celcius. Das ist nix für SeniorInnen in spe wie mich… Vor allem nicht ohne den Lebensrhythmus und die Infrastruktur von Ländern, die diese Hitze gewöhnt sind.

In Schweden ist es jetzt so, wie ich die Sommer aus meiner Kindheit in Deutschland kenne: maximal 30 Grad, das aber auch nur an wenigen Tagen, nachts angenehm frische 15 Grad. Dafür wird es nachts kaum dunkel und zurzeit geht um 3:30 Uhr die Sonne auf. Ausschlafen? Schwierig.

Am zweiten Tag unseres Heimaturlaubs waren es 37 Grad tagsüber – abends zog es die Menschen in Berlin-Moabit deshalb ans Wasser.

Expat-Dilemmata

Und da wären wir bei den Dilemmata, die jeder Expat kennt: Man möchte immer wieder raus in die Welt, aber die Welt erweist sich als ungewohnt und anstrengend. Man möchte Neues erleben und ist doch froh, sobald man wieder genau weiß, an wen man sich wenden und wie man etwas regeln kann. Man mag die Exotik anderer Länder, vielleicht die Einkaufsmöglichkeiten, das Klima, die Menschen – und vermisst doch bestimmte Zutaten, das deutsche Brot (zumindest ab und zu!). Man ist gern weg, wäre aber gern auch zuhause bei den alten, kranken Eltern.

Und wie immer muss man sich entscheiden und kann das Leben weder rückwärts leben noch gleichzeitig an mehreren Orten sein.


PS: Das beste Buch über „Heimat“ stammt von Nora Krug. Ein Muss für alle Expats, ob nah oder fern!


Kurt Tucholsky (ein Berliner!) hat die widersprüchlichen Gefühle des Lebens sehr treffend in diesem Gedicht beschrieben:

Das Ideal

Ja, das möchste:
 Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
 vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
 mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
 vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn
 aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
 Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

 Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
 Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
 Radio, Zentralheizung, Vakuum,
 eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
 eine süße Frau voller Rasse und Verve
 (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) ,
 eine Bibliothek und drumherum
 Einsamkeit und Hummelgesumm.

 Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
 acht Autos, Motorrad - alles lenkste
 natürlich selber - das wär ja gelacht!
 Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

 Ja, und das hab ich ganz vergessen:
 Prima Küche - erstes Essen
 alte Weine aus schönem Pokal
 und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
 Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
 Und noch 'ne Million und noch 'ne Million.
 Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
 Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

 Ja, das möchste!

 Aber, wie das so ist hienieden:
 manchmal scheints so, als sei es beschieden
 nur pöapö, das irdische Glück.
 Immer fehlt dir irgendein Stück.
 Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
 hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -
 hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
 bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

 Etwas ist immer.
 Tröste dich.

 Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
 Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
 Daß einer alles hat:
 das ist selten.

Die Immobilienpreise sind in Berlin in den letzten zehn Jahren explodiert – auch ein Grund, warum die Stadt nicht mehr so lebenswert ist.