Hilflos

Die letzten zwei Tage waren vielleicht (hoffentlich?!) unser Tiefpunkt bisher in Schweden: Gestern schloss sich unser Sohn (10, 6. Klasse) morgens ins Bad ein, als wir zur Schule losfahren wollten. Er weigerte sich vehement, dort nochmal hinzugehen. Da wir schon spät dran waren und seine Schwestern auch in die Schule musste, ließen wir ihn zuhause. Armutszeugnis für Eltern? Klar kann man das von außen erstmal so sehen. Wir fühlen uns auch hilflos.

Unaufmerksame Erwachsene und gemeine Kinder

Aber das hat ja eine Vorgeschichte. Von den Kopfschmerzen habe ich bereits an anderer Stelle hier berichtet. Sie waren nun eine Woche weniger, aber am Montag (vorgestern) wieder extrem stark – wie immer ab der 4./5. Stunde. Und dann kam wohl einiges zusammen: Schon in den ersten beiden Stunden gab es eine Gruppenarbeit, von der M. nach seiner Erzählung von drei anderen Jungs ausgeschlossen wurde, obwohl sie eigentlich zu viert hätten arbeiten sollen. Die Lehrerin hat nichts dazu gesagt (nicht mitbekommen? ignoriert? man weiß es nicht).

In den Pausen gab es mehrfach – z.T. von denselben Jungs – gemeine Kommentare. Und das natürlich nicht zum ersten Mal. Unser Kind hat kein dickes Fell. Im Gegenteil. Das merken manche Kinder und nutzen es aus. Schon letzte Woche hatte ich einmal ein weinendes Kind im Auto sitzen nach dem Abholen, weil er sich so von einem dieser Jungs gepiesackt fühle. Er wollte schon da „nie wieder in diese Schule“ gehen…

Als dann die Kopfschmerzen am Montag wieder so stark waren, fragte M. den Fachlehrer, ob er rausgehen könne. Der vertröstete ihn auf später, gab ihm dann aber kein Zeichen, wann „später“ war. So saß M. die ganze Stunde mit Kopfschmerzen im lauten Klassenzimmer – was die Schmerzen natürlich nur schlimmer macht. Da muss er beschlossen haben, dass er das nicht mehr mitmacht. Er fühlt sich in dieser Klasse, in dieser Schule einfach nicht wohl.

M. im Treppenhaus seiner hiesigen Schule. Foto: privat.

Wir fühlen uns hilflos, die Möglichkeiten sind begrenzt

Wir wissen im Moment kaum noch, wie wir ihm helfen sollen. Kein gutes Gefühl. Dabei hatten wir wirklich große Hoffnungen, dass dieses Schuljahr besser wird. Auch M. war wirklich positiv eingestellt und hatte lauter gute Vorsätze.

Wir haben nun noch einmal die Schule um Hilfe und Unterstützung für ihn gebeten. Parallel erkundigen wir uns bei der Stadt Stockholm, ob er auf eine schwedische Schule in der Stadt wechseln könnte (das ist nicht ganz klar, weil wir in einer anderen Kommune direkt nebenan wohnen). Aber natürlich birgt auch so ein Wechsel Risiken: M. kann noch kaum Schwedisch (auch, weil er sich innerlich dagegen wehrt). Er würde sich noch mehr von seinen KlassenkameradInnen unterscheiden: Er wäre dann der „Ausländer“ und nicht nur das sensible, unsportliche, viel lesende, von Kopfschmerzen geplagte Kind. Und fachlich hätte er es nach der Rückkehr nach Deutschland vermutlich schwerer, weil z.B. Französisch an schwedischen Schulen z.T. nur mit einer Stunde wöchentlich unterrichtet wird. An der Deutschen Schule sind es z.Zt. vier Wochenstunden… Weniger Leistungsdruck täte ihm u.U. zurzeit gut, auch wenn er durchaus Selbstbewusstsein daraus zieht, dass er z.B. im Vokabellernen sehr fix ist. Aber er fände es bestimmt nicht toll, wenn er bei der Rückkehr viele Lücken schließen müsste. Denn das Niveau schwedischer Schulen soll insgesamt niedriger sein, erzählt man uns hier immer wieder.

Wir haben einen Hospitationstermin mit einer schwedischen Schule hier auf der Insel vereinbart – allerdings scheint die Direktorin vor allem an der Erhöhung ihrer Schülerzahlen interessiert zu sein. Auf die Frage, wie diese Schule unseren Sohn denn ggf. unterstützen könne im Hinblick auf die Kopfschmerzen, schlug sie vor: Er könne ja mit der Schulpsychologin (Kuratorin) bzw. der Sjuksköterska (Krankenschwester) sprechen. Das Kind, das bisher kaum Schwedisch spricht und sowieso möglichst mit niemandem außerhalb der Familie seine privaten Dinge besprechen möchte… Da hatte sie sich also so richtig viele Gedanken drum gemacht und offenbar intensiv die Mail studiert, die ich ihr im Vorfeld geschickt hatte.

Was wir tun werden

Da ich selbst Mobbing als Kind bzw. Jugendliche erlebt habe – sowohl in der fünften als auch in der zwölften Klasse – weiß ich, wie schlimm es sich anfühlt. Das, was unser Sohn im Moment erlebt, ist zwar noch kein richtiges Mobbing. Aber es geht in die Richtung. Keine Freunde zu haben und ausgeschlossen zu werden, fühlt sich schrecklich an. Deshalb muss sich dringend bald etwas ändern. Als nächstes werden wir einen Antrag auf den Wechsel in die Parallelklasse stellen. Dort ist ein Lehrer Klassenleiter, der bei unserem Sohn Fachunterricht gibt, und den M. sehr mag. Außerdem hatte M. von Anfang an mehr Kontakte in die Parallelklasse, fand die Kinder dort netter. Doch der Antrag wird vermutlich abgelehnt werden (wir hatten schon einmal die KlassenlehrerInnen darauf angesprochen). Also bleibt nur: durchhalten oder die Schule wechseln.

Bilanz nach einem Jahr – mittelprächtig

Anfang August 2021, gegen Ende der hiesigen Sommerferien

Wie geht es Dir im Moment hier auf einer Skala von 1 (nicht gut) bis 10 (sehr gut)?

8.

Woran liegt das?

Erstens ich hab mich besser eingelebt und zweitens: es ist zwar noch nicht perfekt, aber nichts ist perfekt.

Womit beschäftigst Du Dich zurzeit am liebsten?

Lesen. Mangas, Fantasy-Bücher von Rick Riordan.

Das erste Jahr: nicht so toll bis ok

Wie war das erste Jahr im Ausland/in Schweden?

Am Anfang war es nicht so toll. Dann war es ok. Am Anfang hatte ich sehr viele Kopfschmerzen, aber am Ende ist es weniger geworden. Ich hab mich besser eingelebt. Es war ein sehr komisches Wetter: z.B. an einem Tag hat es geschneit, geregnet und die Sonne hat geschienen – das war nicht im April, sondern im Mai.

Was war die größte Schwierigkeit? Was fiel Dir unerwartet leicht?

Unerwartet leicht fielen mir Informatik und Geschichte in der Schule. Was extrem toll war, war, dass ich diesen Harry-Potter-Fernsehnachmittag machen durfte am Anfang.

Hast Du FreundInnen hier? (Warum noch nicht)?

Noch nicht so ganz richtige.

Gab es Überraschungen? Welche?

Dass ich am Anfang von zwei Kindern gleich zum Geburtstag eingeladen wurde.

Gute Vorsätze für das zweite Jahr

Was nimmst Du Dir für das zweite Jahr vor?

Ich nehm mir vor, nicht mehr so viele Kopfschmerzen zu haben. Ich will nicht mehr so gestresst sein. Ich will meine Hefte ordentlicher führen, meinen Schulranzen auch.

Ich will besser in Englisch werden, damit ich mehr Sachen machen kann. Im Supermarkt, da kann ich mich besser verständigen da. Schwedisch ist mir zu anstrengend, außerdem sprechen die meisten Leute Englisch da.

Ich will auch z.B. öfter bei Pausensport mitmachen.

Was möchtest Du noch hier tun oder erleben?

Muss ich drüber nachdenken.

Der Englisch-Unterricht hier ist besser

Was hast Du bisher gelernt durch das Leben im Ausland?

Dass der Englisch-Unterricht hier besser ist in Schweden auf der Deutschen Schule (als in Deutschland).

War es Deiner Meinung nach gut, hierher zu ziehen? Warum (nicht)? Hat Deine Beurteilung mit Covid19 zu tun?

Warum es gut war: ich bin jetzt sehr viel besser in der Schule, auch sehr viel besser in Sprachen, in vielen Unterrichtsfächern halt. Aber ich vermisse Deutschland wirklich sehr: einen Freund z.B..

Könntest Du Dir vorstellen, hier länger als die geplanten drei Jahre zu bleiben? Was spricht dafür, was dagegen?

Ich kanns mir nicht vorstellen. Dafür spricht, dass ich vielleicht noch besser werde in den Unterrichtsfächern. Dagegen spricht: Ich würde es nicht aushalten – länger als drei Jahre nicht in meiner Heimat zu sein. Ich würde es viel zu sehr vermissen.

Nochmal ins Ausland? Never ever…

Könntest Du Dir vorstellen, später noch einmal ins Ausland zu gehen? Hättest Du ein Wunsch-Land oder einen Wunsch-Kontinent? Warum?

No way. Never ever.

Gibt es Vorteile, die wir hier als Ausländer (mit dem besonderen Status als Diplomaten) haben? Gibt es Nachteile?

Vorteile sind, dass wir bei manchen Sachen kein Geld bezahlen müssen, z.B. keine Gebühren, wenn wir nach Stockholm reinfahren. Wir können uns auch in der Botschaft impfen lassen. Auch hat Ronja hier einen „Hundesitter“, das ist auch ein Vorteil gegenüber Deutschland. Hier gibt es auch einen großen Hundeplatz, in Berlin haben wir keinen so großen gefunden.

Was wünschst Du Dir im Moment am meisten?

Mangas und Geld. Das Geld brauche ich für eine Nintendo Switch, die ich mir kaufen will. Und die Mangas brauche ich als Lesestoff, sonst wird mir langweilig. Ich brauche halt unbegrenzt Lesestoff!

Neu: Schwedens schönste Seiten

Es gibt etwas Neues zu sehen: Schwedens schönste Seiten! Ich habe im Lauf der Zeit viele schöne Fotos von unseren Ausflügen und Reisen in Schweden gemacht. Davon stelle ich von nun an immer wieder welche in eine öffentlich zugängliche Galerie. Einfach unter „Galerie“ auf „Schwedens schönste Seiten“ klicken – schon seid Ihr da!

Ideen für Ausflugsziele und Aktivitäten in Schweden – fast ohne Text

Wer Lust auf Schweden hat, aber noch nicht so richtig weiß, was ihn dort erwartet oder was man hier eigentlich alles machen kann, der findet hier Anregungen – fast ohne Text, den man durchackern müsste. Falls Ihr Fragen zu einzelnen Ausflugszielen habt, schreibt gern einen Kommentar.

Als Familie mit Kindern im Grundschul- aber auch Teeniealter versuchen wir natürlich immer, die Ausflüge so zu wählen, dass für alle was dabei ist. So bieten die Museen in Stockholm so gut wie immer auch besondere Rundgänge für jüngere Kinder an, z.B. mit kleinen Fragen oder Suchaufgaben, die erledigt werden dürfen. Und die älteren können sich meist einen Audioguide auf ihre Smartphones herunterladen, häufig sogar auf deutsch, so dass sie selbständig eine Ausstellung durchstreifen können.

Fähre – eine gute Alternative zu Spaziergängen durch die Stadt

Wenn wir Besuch aus Deutschland bekommen, z.B. von den Großeltern, suchen wir aber auch Ziele und Wege heraus, die für besondere Bedürfnisse geeignet sind: z.B. sind die vielen Fährverbindungen in Stockholm gut für Menschen, die nicht so viel zu Fuss laufen können, aber trotzdem etwas von der Stadt sehen wollen – mit möglichst geringem Covid-Risiko. Auch ein Ausflug zu den Schären vor Stockholm ist dafür gut geeignet. Allerdings sollte es dafür einigermaßen warm sein, denn man ist einige Stunden unterwegs.. Und wir bauen immer eine „Fika“ (eine schwedische Kaffeepause), Würstchengrillen oder ein Picknick ein – das motiviert idR alle Altersklassen.

Und jetzt: Viel Spaß beim Anschauen!

Bilanz nach einem Jahr Schweden – die 15jährige

Schweden ist zu nah um außergewöhnlich zu sein

Anfang August 2021, gegen Ende der hiesigen Sommerferien:

Wie geht es Dir im Moment hier auf einer Skala von 1 (nicht gut) bis 10 (sehr gut)?

8-9.

Woran liegt das?

Ich hab Ferien, ich war bei meinen Freunden in Berlin. Es ist alles einfach ganz entspannt gerade.

Womit beschäftigst Du Dich zurzeit am liebsten? Themen? Aktuelle Bücher?

Zeichnen und mit meinen Freunden auf Discord sein – mit denen reden hauptsächlich… Alles, was so in die Richtung schminken und so geht, mach ich auch gern. „Alternative make-up“. Ich schminke mich nicht so normal, sondern so ein bisschen gruselig immer und mache Fotos und Videos davon. Ich stelle das in meinen Status auf WhatsApp. Ich habe gerade meine Haare lila gefärbt. DSA – „Das schwarze Auge“, ein Rollenspiel – spiele ich bzw. wir bereiten es vor: Wir, das sind die Leute aus dem Sommercamp, in dem ich in Deutschland war (Scharfenberg).

Lesen tue ich gerade „Long way down“ von Jason Reynolds. Und das andere ist „Bridgets Jones´ diary“ und ein Buch über Extremismus. Das ist sehr theoretisch, das ist ein bisschen anstrengend.

Erstes Halbjahr: langweilig (weil krank), zweites Halbjahr besser

Wie war das erste Jahr im Ausland/in Schweden?

Insgesamt ganz gut. Erst ein bisschen langweilig, als ich krank war (Anmerkung: Die Große war von Anfang September bis Ende Dezember 2020 krank: nach einem Infekt – ob es Covid19 war, ist ungeklärt geblieben -, litt sie monatelang unter so schlimmer Erschöpfung/fatigue, dass sie nicht in der Lage war, in die Schule zu gehen. Mittlerweile geht es ihr zum Glück wieder gut.). Aber das zweite Halbjahr fand ich ganz gut. Bisschen anstrengend mit der Schule, das war halt viel: Wir hatten viele Stunden, und es war ein neues System, das ich am Anfang noch nicht ganz so gut verstanden habe (in Berlin: Gemeinschaftsschule, hier: Gymnasium).

Als wir wieder in der Schule waren, fand ich es gut, dass ich Leute hatte, mit denen ich reden konnte. (Ab Ostern ungefähr durften in Schweden die Klassen 10 bis 12 wieder in den Präsenzunterricht; davor hatten sie von Weihnachten ab Distanzunterricht.)

Discord hilft beim Kontakthalten mit alten Freunden

Was war die größte Schwierigkeit? Was fiel Dir unerwartet leicht?

Die größte Schwierigkeit war, mit Corona Leute kennenzulernen, weil man die ganze Zeit zuhause war. Und über (Microsoft-)Teams hat man nicht wirklich was von den anderen Leuten in der Klasse mitgekriegt.

Es fiel mir unerwartet leicht, mit meinen Freunden in Berlin in Kontakt zu bleiben. Ich dachte, dass es schwerer ist, mit allen in Kontakt zu bleiben, aber eigentlich geht es. Discord hilft da sehr.

Hast Du FreundInnen hier? (Warum noch nicht)?

Schulfreunde ja. Noch nicht so gute, aber ich denke, das kommt mit der Zeit.

Gab es Überraschungen? Welche?

Ich glaube nicht. Im Sommer waren wir davor ja schon häufiger hier. Es gab eigentlich nichts, was so anders ist als als wir hier Urlaub gemacht haben.

Was nimmst Du Dir für das zweite Jahr vor?

Ich möchte, dass mein Abi gut wird. Deshalb möchte ich in der Schule gut sein. Letztes Jahr waren meine Noten durchwachsen, weil neues System, manche Sachen bei den Klausuren hab ich nicht so verstanden, wie sie das haben wollten oder fand es doof. Ich hatte auch ein paar Lücken in Mathe, musste in Französisch viel aufholen…

Ansonsten ist es alles ganz angenehm so.

Was möchtest Du noch hier tun oder erleben?

Ich würde gern hoch in den Norden fahren und Nordlichter sehen. Das finde ich cool. Oder rüberfahren nach Finnland, das fände ich auch cool.

Was hast Du bisher gelernt durch das Leben im Ausland?

Äh… ich weiß es nicht.

War es Deiner Meinung nach gut, hierher zu ziehen? Warum (nicht)? Hat Deine Beurteilung mit Covid19 zu tun?

Ja, ich fand es gut. Es ist natürlich eine gute Erfahrung, wenn man eine Zeitlang woanders gewohnt hat, als wo man immer gewohnt hat. Man lernt irgendwann die Sprache ein bisschen und man versteht wahrscheinlich andere Leute besser, die mit mehreren Kulturen aufgewachsen sind. Man lernt Englisch besser, weil man sich am Anfang damit verständigt.

Schweden hat nicht mein Lieblingsklima

Könntest Du Dir vorstellen, hier länger als die geplanten drei Jahre zu bleiben? Was spricht dafür, was dagegen?

Eigentlich nicht. Ich möchte eigentlich nicht länger bleiben, weil ich finde es zwar ganz gut, aber wenn dann will ich nochmal woanders hin. Schweden ist nicht so außergewöhnlich, es ist zu nah dran, um außergewöhnlich zu sein. Es ist auch nicht mein Lieblingsklima, es ist mir zu dunkel im Winter und zu hell im Sommer.

Könntest Du Dir vorstellen, später noch einmal ins Ausland zu gehen? Hättest Du ein Wunsch-Land oder einen Wunsch-Kontinent? Warum?

Ja. Ich würde gern nochmal woanders hingehen. Am liebsten nach New York oder nach Südkorea, nach Seoul oder Busan. Oder nach Japan. Weil ich die Kulturen von den Ländern cool finde und die Sprachen gern können würde. New York wäre cool, weil es in den Staaten liegt, was cool wäre, aber es bessere Waffengesetze dort gibt als sonst in den USA, und weil man da Englisch spricht und ich eigentlich gern perfekt Englisch sprechen würde. Dafür wäre das gut.

Vor- und Nachteile hier als Ausländer

Gibt es Vorteile, die wir hier als Ausländer (mit dem besonderen Status als Diplomaten) haben? Gibt es Nachteile?

Vorteile nicht wirklich, man kann halt bei manchen Parkplätzen parken, wo anderen nicht parken können. Ansonsten finde ich es eher anstrengend, weil die Immunitetsnummer hat, weil es dadurch anstrengender ist, sich bei Banken anzumelden, als Jugendliche kann ich kein Swish haben (Bezahldienst), man muss es ständig allen Leuten erklären…. um an eine schwedische Schule zu gehen, ist es auch komplizierter, weil man eine Schwedisch-Note aus der 9. Klasse braucht, das hat man nicht, wenn man davor nicht an einer schwedischen Schule war… alles anstrengender.

Was wünschst Du Dir im Moment am meisten?

Materielles oder nicht Materielles? Materielles: einen gaming-PC. Und sonst – ich würde gerne haben, dass Corona endlich vorbei ist und man reisen kann und man einfach rausgehen kann mit Leuten, mit mehreren… dass es wieder so ist wie vor der Pandemie, weil die sehr anstrengend ist.

Bilanz nach einem Jahr Schweden – die 6jährige

Anfang August 2021, Ende der hiesigen Sommerferien:

Wie geht es Dir im Moment hier auf einer Skala von 1 (nicht gut) bis 10 (sehr gut)?
10. Oder doch eher 9, weil ich meine Schule vermisse.

Woran liegt das?
Dass ich nicht in die Schule gehen kann, aber dass es einfach gut ist.

Womit beschäftigst Du Dich zurzeit am liebsten?
Basteln, mit Freunden spielen, essen.

Wie war das erste Jahr im Ausland/in Schweden?
Mal überlegen… Ich habe Deutschland vermisst. Eigentlich eher Berlin. Die deutsche Sprache, meine Kita und Clara – meine beste Freundin. Und meine anderen Freunde.

Was war die größte Schwierigkeit? Was fiel Dir unerwartet leicht?
Weiß gerade nicht. Leicht fiel mir die Schule.

Hast Du FreundInnen hier? (Warum noch nicht)?
Natürlich! Sogar elf!

Gab es Überraschungen? Welche?
Dass es welche in meiner Schule gibt, die deutsch sprechen. Hat mich überrascht, auch wenn es eine deutsche Schule ist.

Was nimmst Du Dir für das zweite Jahr vor?
Meine Bank aufgeräumter zu lassen (in der Schule).

Was möchtest Du noch hier tun oder erleben?
Ähm… die Nordlichter wollte ich anschauen!

Was hast Du bisher gelernt durch das Leben im Ausland?
Schwedisch!

War es Deiner Meinung nach gut, hierher zu ziehen?
Ja. Weil man schwedisch lernt.

Könntest Du Dir vorstellen, hier länger als die geplanten drei Jahre zu bleiben? Was spricht dafür, was dagegen?
Nein. Dagegen spricht, dass ich mal wieder meine Freundin Clara sehen will. Dafür spräche, dass ich weiter meine Freunde hier sähe.

Könntest Du Dir vorstellen, später noch einmal ins Ausland zu gehen? Hättest Du ein Wunsch-Land oder einen Wunsch-Kontinent? Warum?
Nö. Eigentlich doch. Mein Wunsch-Land wäre Dänemark, weil es da so tolle Restaurants gibt mit Verkleidungen für Kinder (sie meint ein Restaurant im Tivoli, Kopenhagens Vergnügungspark).

Was wünschst Du Dir im Moment am meisten?
An Geschenken wünsche ich mir ein ipad. – Ich wünsch mir auch, dass Corona weg ist und dass alle anderen Krankheiten weg sind.

Kopfschmerzen

26.08.2021 – Heute ist der sechste Schultag dieses Schuljahres, und ich habe schon wieder zwei kranke Kinder hier: Die 14jährige ist seit Dienstag zuhause – offenbar ein Magen-Darm-Infekt. Der 10jährige musste gestern nach den ersten zwei Stunden abgeholt werden: Halsweh, Bauch- und Kopfschmerzen. Während seine Schwester die Tage verschläft, ist der Junge die ganze Zeit ziemlich fröhlich und liest ein Buch nach dem anderen. Hat er wirklich Schmerzen? Ich frage immer mal wieder nach und lasse ihn auf einer Skala von 1 bis 10 bestimmen, wie schlimm es gerade ist. Im Moment „Hals 5, Bauch 6, Kopf 5 – und Schwindel“.

Was tun? So war das ganze letzte Schuljahr. Er hat praktisch jede Woche ein bis drei Tage gefehlt. Das zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Allmählich weiß ich schon gar nicht mehr, wo der Anfangspunkt in diesem Teufelskreis ist: Ist er so schlecht in die Klasse integriert, weil er ständig fehlt? Oder fehlt er, weil er nicht gut in die Klasse integriert ist? Er verpasst Unterrichtsstoff. Den müssen wir mehr oder weniger mühsam zuhause erarbeiten. Nur selten bekommt er Arbeitsblätter oÄm im Nachhinein von Klassenkameraden. Die LehrerInnen verweisen auf eine App, in der der besprochene Stoff der Stunden dokumentiert würde. Wenn ich nachschaue, finde ich oft nur Stichworte, die nicht immer ermöglichen, das Verpasste nachzuholen. Tafelanschriebe uÄm stehen da natürlich auch nicht. Aber es gibt auch keinen, der meinem Sohn sein Heft ausleiht oder abfotografiert. Und das sind dann sofort fehlende Punkte in Klassenarbeiten. Ich weiß nicht, wieviele Mails an LehrerInnen und Nachrichten an Eltern ich letztes Jahr geschrieben habe, um an Materialien zu kommen. Und nicht immer bekommt man sie…

Kopfschmerzen-Auslöser Nr. 1: Lärm

Die Kopfschmerzen werden bei ihm vor allem durch Lärm ausgelöst, auch mal von zu wenig/schlechtem Schlaf oder durch helles Licht. 25 Kinder in einem sehr kleinen Klassenzimmer sind natürlich nicht leise, die Neonröhren in der Schule sind hell. Spätestens ab der 4. oder 5. Stunde hat er deswegen fast täglich Kopfweh. Nur selten kommt er ohne Kopfweh durch den ganzen Schultag. Warum das dann mal klappt? Keine Ahnung.

Lärm macht krank. Auch wenn Schallwellen – wie hier im Foto – ganz harmlos aussehen. Foto: Pete Linforth/pixabay.

Mit den LehrerInnen ist abgesprochen, dass er bei beginnenden Kopfschmerzen rausgehen darf: einen Spaziergang machen auf dem Schulhof oder sich hinlegen im Arbeitsraum der einen Klassenlehrerin. Er kennt eine Entspannungsübung, die er machen könnte, hat Pfefferminzöl für die Schläfen immer dabei. Er weiß auch – theoretisch -, dass er den Akupressurpunkt zwischen Daumen und Zeigefinger drücken kann. Präventiv soll er seine Brille tragen (Weitsicht) und Ohrstöpsel gegen den Lärm. Aber er vergisst das manchmal – vielleicht ist ihm die deutlich sichtbare Brille auch unangenehm. Brillen waren ja schon immer eher uncool. Und Coolness wird zunehmend wichtiger. Wohl deshalb macht er auch die Entspannungsübung in der Schule nicht, vermute ich. Es könnte ja jemand in den Raum kommen…

Er fragt auch nicht immer, ob er rausgehen kann – das ist ja auch etwas Sichtbares vor den Klassenkameraden. Und außerdem muss man sich mit dem Lehrer/der LehrerIn ggf. darüber auseinander setzen. Nicht immer haben die PädagogInnen im letzten Schuljahr positiv reagiert, wenn er sie angesprochen hat. Mit manchen kommt man natürlich auch besser, mit anderen schlechter aus. Da ist es einfacher, schnell eine Tablette einzuwerfen. Er hat immer welche dabei. Eigentlich als letzte Möglichkeit, den Kopfschmerzen zu begegnen. Denn auch das ist ein Teufelskreis: Wenn sie einmal da sind, bleiben sie gern tagelang. Nur wenn man das ganz am Anfang unterbricht, gehen sie vielleicht wieder weg. Es gibt also ein Argument dafür, frühzeitig eine Tablette zu nehmen.

Ständige Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge und Schulpflicht

Gleichzeitig soll dieses Kind natürlich auf keinen Fall lernen, dass es ständig seine körperlichen Signale unterdrücken und nur funktionieren soll. Er soll nicht lernen, dass Tabletten eine Lösung sind. Denn das sind sie nicht. Gerade Schmerzmittel können bei falschem Gebrauch zu gravierenden Schäden führen – dialysepflichtigen Nierenschäden z.B.. Außerdem können sie langfristig sogar das Gegenteil dessen bewirken, was sie verhindern sollen: (Kopf)Schmerzen. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. beschreibt das hier sehr klar und deutlich.

Wir schwanken deshalb permanent zwischen den Polen, sind immer auf einer Gratwanderung: Sollen wir das Kind zuhause lassen, wo es ihm offensichtlich ganz gut geht (er sagt: „Ich versuche einfach, gute Laune zu haben, denn sonst ist es ja noch schlimmer“)? Wo er aber keine Kinder um sich und also nicht einmal die Chance hat, Freunde zu finden? Oder sollen wir ihn in die Schule schicken, wo er mindestens die Hälfte der Stunden am Tag Schmerzen hat (wenn er nicht schon mit Kopfweh hingeht)? Wo ihn keiner im Umgang damit anleitet und unterstützt, und er letztlich selbst entscheiden muss, ob er sich durch Rausgehen schützt – aber ins soziale Blickfeld stellt – oder lieber schnell eine Tablette einwirft? Wo aber auch Kinder sind, geistiges Futter – wenn auch gepaart mit sozialem Anpassungs- und schulischem Leistungsdruck?

Ausweg Schulwechsel?

Foto: Rodnae productions/Pexels.

Dieses Kind ist nicht dumm – im Gegenteil. Er braucht durchaus was fürs Köpfchen. Aber er kommt nicht mit dem gymnasialen Dauertesten klar. Er findet diese Schule stressig. Das hat auch mit seiner bisherigen, sehr lauen, (zu) wenig fordernden Grundschule in Berlin zu tun. Er hat es dort nicht gelernt, zu lernen, auch mal gegen Widerstände und mit Ausdauer. Aber auch seine Persönlichkeit spielt eine Rolle: Er ist in jeder Hinsicht weich – kein harter Draufgänger, kein zäher Sportler, sondern hilfsbereit, empfindsam bis empfindlich, tierlieb, sehr gerechtigkeitsliebend. Und das passt so gar nicht zu seinen Klassenkameraden, die überwiegend Fussball spielen, ein Jahr älter sind, alle schon ein Smartphone haben, sich gerne kloppen.

In einer anderen Schule wäre das wahrscheinlich nicht vollkommen anders. (Er hatte auch schon vor unserem Umzug hierher ab und zu Kopfschmerzen. Nur nicht so lange am Stück.) Aber vielleicht würde der permanente Test-Druck wegfallen. Deshalb habe ich angefangen, mit ihm über einen Schulwechsel zu sprechen. Wir hatten das auch im letzten Jahr schon diskutiert, genauso wie ein Wiederholen der Klasse – einfach, um den Druck rauszunehmen. Aber er wollte bisher beides auf keinen Fall. Wiederholen ist eine Frage der Ehre – so sieht er sich nicht. Und auf eine andere Schule wechseln ist ein großes Risiko: wieder ein Wechsel, wieder der Neue sein – und vor allem: die Sprache nicht beherrschen. Denn es könnte nur eine schwedische oder internationale Schule mit Englisch als Unterrichtssprache sein. Ich verstehe, dass er diese Alternativen nicht prickelnd findet.

Ich verschwinde allmählich

Aber ich weiß mir im Moment auch nicht mehr zu helfen. Ich weiß nur eins: Noch so ein Schuljahr wie das letzte will ich auf keinen Fall erleben. (Und dabei spielt Corona hier nicht einmal eine Rolle!) Ich habe nämlich das Gefühl, nur noch für andere, sprich: (vor allem) für meine Kinder, zu leben. Für mich bleibt nichts mehr übrig. Im Gegenteil. Ich werde durch die ständigen Sorgen um die Kinder (auch meine zweitälteste Tochter hat einen wirklich schlechten Schuljahreseinstieg erwischt – und das hat nichts damit zu tun, dass sie jetzt krank ist) zu einer denkbar langweiligen Gesprächspartnerin. Ich werde extrem unzufrieden mit meinem Leben. Und das strahle ich sicher auch aus. Wahrscheinlich werde ich sowohl von den LehrerInnen als auch den wenigen Bekannten, die ich hier habe, als überbesorgte Helikoptermutter wahrgenommen, als ewig jammernde Unzufriedene, als überkritische und verkniffene Person. Niemand, mit dem man Spaß haben kann oder sich umgeben will. Und es ist ja auch etwas dran. Ich mag mich selbst nicht so.

Foto: Somchai Kongcamsri.

Und das Frustrierendste: Es nützt nicht einmal etwas, sich diese Sorgen zu machen und zu versuchen, etwas zu ändern. Mein Sohn ignoriert sämtliche Vorträge darüber, dass man sich bei einem potentiellen, neuen Freund zuhause nicht einfach hinsetzt und seine Bücher liest, anstatt mit ihm zu spielen. Meine zweitälteste Tochter putzt trotz Aufforderungen wochenlang nicht ihre Zähne, benutzt kein Deo und ist weiterhin Außenseiterin in ihrer Klasse, nicht im Klassenchat bei WhatsApp (nach einem Jahr!) und war noch nie zu irgendjemandem eingeladen.

Unsere Belastungen sind so lächerlich im Vergleich

Das ist so schwer zu ertragen, die Kinder einsam zu sehen – wobei es für den Sohn schlimmer zu sein scheint als für die Tochter. Sie lebt und liebt ihre Bücher. Immerhin. Ein wenig entlastend für mich ist auch, dass unsere Älteste und unsere Jüngste sehr gut in ihren Klassen integriert sind. Es kann also nicht (nur) an der Erziehung liegen. Aber was, wenn wir doch bei den mittleren Kindern einfach mehr falsch gemacht haben/falsch machen als bei den anderen beiden?

Und dann schaue ich in die aktuellen Nachrichten aus Afghanistan und denke, dass wir eigentlich überhaupt kein Recht darauf haben, uns in irgendeiner Hinsicht zu beklagen. Egal, wie es uns gerade geht. Im Vergleich zu den fürchterlichen Schicksalen, die es dort gibt und geben wird, ist hier alles so lächerlich einfach.