Bewältigungsstrategien

28.03.2022 – Vorletzte Woche habe ich einen Tiefpunkt meines Aufenthalts hier in Schweden erreicht. Hoffe ich. Was mir passiert ist, war gar nicht so schlimm – eigentlich. Aber manchmal reicht ja auch eine Kleinigkeit, um einen aus der Bahn zu werfen. Die Frage ist: Wie kommt man aus so einem Tief wieder raus? Dafür gibt es ein paar Bewältigungsstrategien. Am besten ist es, wenn man sich mit ihnen schon vor einem Auslandsaufenthalt beschäftigt. Dann fällt es leichter, sich an sie zu erinnern, wenn man sie braucht. Konkrete Tipps und Links am Ende des Artikels.

Genervter Busfahrer

Aber was hat mich so aus der Bahn geworfen? Es war meine erste Busfahrt hier. Eine Station, mit dreien meiner Kinder, morgens um 7:30 Uhr, weil unser Auto in die Werkstatt musste. Ich stieg ein, hielt meine SL-Karte an das Lesegerät, sah, dass 39 Kronen abgezogen wurden und fragte den Fahrer dann (auf Schwedisch), wie ich auch für meine Kinder bezahlen könne? Denn erneutes Vorhalten der Karte schien nichts zu bewirken. Er murmelte irgendwas, war genervt und forderte mich dann auf, meine Karte noch einmal vor ein anderes Gerät zu halten, wo 29 Kronen abgezogen zu werden schienen. Danach winkte er uns vorbei.

Stop-Knöpfe sind ziemlich universell – Bezahlsysteme im ÖPNV leider nicht… Foto: Pexels

Kontrolle

Wir fuhren den kurzen Weg über die Brücke von Lidingö nach Ropsten, der ersten Station in Stockholm, stiegen aus, und wurden prompt von einer Horde von KontrolleurInnen umringt: Sie prüften mein Ticket und sagten dann, ich hätte nur für ein Kind bezahlt – ob ich Schülerin sei? Ich erklärte ruhig und gelassen auf Englisch, wie ich extra mit dem Fahrer gesprochen hatte, dass der offenbar alles in Ordnung fand, und dass ich jetzt schnell weiter müsste, weil mein Sohn in der ersten Stunde eine Klassenarbeit schriebe. Nix da. Sie meinten immer noch, ich hätte nur ein Kinderticket. Ich wurde nervös, weil wir noch umsteigen mussten, und ich weder wusste, wo der nächste Bus abfuhr, noch wieviel Zeit zum Umsteigen noch blieb. Und mir schwante, dass ich mir hier kein Verständnis entgegen gebracht werden würde. Ich erklärte also nochmal, nun schon etwas ungehalten, was ich mit dem Busfahrer besprochen hatte, dass das meine erste Busfahrt mit Kindern in Schweden war, und dass ich nun wirklich weg müsste. War denen völlig egal.

Unfreiwillig schwarzgefahren

Ich musste meine ID-Karte zeigen, sie nahmen meine Personalien auf und gaben mir einen Strafzettel über mehr als 1500 Schwedische Kronen – das sind rund 150 Euro. Der Bus mit dem Fahrer, der meine Geschichte hätte bestätigen können, war einfach wieder abgefahren – die KontrolleurInnen hatten aber auch gar nicht in Erwägung gezogen, ihn zu fragen. Niemand fand es unlogisch außer mir, dass ich offenbar bereit gewesen war, für mein Kind zu bezahlen, aber für mich selbst nicht. Keiner sagte, na gut, Anfängerfehler, passen Sie beim nächsten Mal aber mehr auf oder erklärte mir, dass ich für JEDE Person eine SL-Karte brauchte (was anscheinend so ist, wie ich mir jetzt zusammengereimt habe).

Wut und Verzweiflung

Ich war so sauer! Wir rannten zum zweiten Bus, der zum Glück leicht zu finden und noch nicht abgefahren war. Ich brachte die Kinder zur Schule, gerade noch pünktlich. Und danach war der Tag für mich gelaufen. Ich fand es so unfair, so ungerecht, so fies, so gemein und auch so unlogisch. Und ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich nicht besser vorbereitet gewesen war. Wären wir hier erst seit Kurzem gewesen, hätte ich sicher nochmal genau geschaut, wie man Bus fährt. Aber so, nach über einem Jahr, die Kinder waren auch alle schon allein Bus gefahren – da dachte ich, das schaff ich schon. Auch morgens im Vor-Schul-Stress… Pustekuchen!

Leben wir in der Matrix?

Und ich ärgerte mich über „das System“. Es kommt einem nämlich manchmal hier vor, als lebe man in der Matrix: Es war nicht das erste Mal, dass mir hier sowas passiert ist. Ich habe auch schon drei Parktickets bekommen, obwohl ich in allen drei Fällen fürs Parken bezahlt hatte. Ja, ich hatte auch jeweils einen Fehler gemacht. Aber es waren echte Fehler – und null böse Absicht. Ich hatte wie gesagt jedes einzelne Mal fürs Parken bezahlt. Nur stand ich in einem Fall ich zu nah an einer Straßenkreuzung. Ich wusste noch nicht, dass man in Schweden 10 Meter Abstand halten muss – und nicht 5 wie in Deutschland. Hier wird das per Laser nachgemessen…

In Schweden muss man die Schilder oben und die Bemalungen auf dem Bordstein beachten… Foto: pixabay.

Im zweiten Fall hatte mich die Park-App (EasyPark) falsch geortet, und ich hatte für die falsche Zone bezahlt. Die Differenz zur richtigen war vermutlich nur ein paar Kronen – mein Strafzettel kostete 130 Euro. Im nächsten Fall hatte ich sogar über 20 Euro fürs Parken bezahlt – am Fuss von Skansen, damit meine Mutter, die nicht so gut zu Fuss ist, nicht so weit laufen musste. Aber in der App hatte ich (schon monatelang vorher und bis dahin nie beanstandet) statt einer „0“ an einer Stelle ein „O“ im Autokennzeichen eingegeben. Und obwohl kein Auto in der Nähe auch nur annähernd dasselbe Kennzeichen hatte und es somit völlig klar war, dass ICH diese 20 Euro fürs Parken bezahlt hatte – bekam ich einen Strafzettel über 90 Euro…

Doppelt bezahlt

Ich habe gegen die beiden letzten Fälle Beschwerde eingelegt. Monate später bekam ich einen maschinell erstellten Brief ohne Ansprechpartner, in dem mir lapidar mitgeteilt wurde, dass der Widerspruch zurückgewiesen werde. Ich hatte also zwei Mal doppelt bezahlt: Fürs Parken und fürs Knöllchen. Warum sie es so extrem genau genommen haben, obwohl ich bezahlt hatte? Wenn man es böse interpretieren möchte, dann lag es vielleicht an meinem Kennzeichen. Unser Auto ist deutlich als Diplomaten-Pkw erkennbar – und das nicht, weil es eine dicke Bonzenkarre ist (wir fahren einen Citroen: kastig, viele Sitzplätze, dreckig innen wie außen…), sondern einfach weil wir ein Nummernschild in einer anderen Farbe haben…

Lehrgeld

Aber vielleicht war es auch einfach „Dienst nach Vorschrift“. Denn so wie mir geht es hier vielen Neuen. Man zahlt dieses Lehrgeld (wer es vermeiden möchte, lese hier weiter – aber ohne Gewähr!). Aber es ist noch nicht einmal so sehr das Geld, was mich dabei so geärgert hat. Sondern die Haltung dahinter: Jemandem einen Strafzettel zu geben, der ziemlich offensichtlich versucht, alles richtig zu machen – das ist mE einfach fies. Und dass ich mich nicht dagegen wehren konnte bzw. es schlicht niemanden juckte, wenn ich es versuchte – das gab mir ein Gefühl der Ohnmacht. Man hat das Gefühl, in ein schwarzes Loch hinein zu schreiben und dann von diesem schwarzen Loch eine Antwort ausgespuckt zu bekommen, natürlich eine abschlägige.

Dazu kam letzte Woche sicher noch, dass ich hier immer noch ziemlich isoliert bin. Ich habe wenige Kontakte, und es gibt viele Tage, an denen ich keine anderen erwachsenen Menschen treffe außer meinem Mann und einer Kassiererin im Supermarkt. Wenn überhaupt. Und dann noch die Pandemie, die uns allen in den Knochen steckt, der Krieg, die nicht enden wollenden gesundheitlichen und sozialen Probleme unserer Kinder…

Welche Bewältigungsstrategien habe ich genutzt?

Nr. 1 und 2: Tränen und Bewegung

Sobald ich meine Kinder in die Schule gebracht hatte, brach ich jedenfalls in Tränen aus. Und ich konnte gar nicht wieder aufhören, zu weinen. Und aus Trotz und weil ich nicht noch einen Fehler machen und noch einen Strafzettel riskieren wollte, lief ich die 5km zurück nach Hause zu Fuss. Eine Stunde Fussmarsch. Mir kamen viele Leute entgegen – auf Rädern, Rollern, zu Fuss… aber kein einziger Mensch – niemand – fragte, was los ist oder sagte irgendwas Nettes. KEIN EINZIGER. Das bestärkte mich noch in meinem Gefühl, dass dieses Land, diese Leute hier, es böse mit mir meinten. Irgendwann habe ich angefangen, Adjektive zu sammeln und im Handy zu notieren, die mir zu den blöden Schweden einfielen… die Liste war lang! Und vermutlich ungerecht.

Bewältigungsstrategie Nr. 3: Wut in Worte fassen

Aber ich beschloss auch auf dem langen Heimweg, die Strafe sofort zu bezahlen. Um nicht mehr daran denken zu müssen. Um es abzuhaken. Zuhause angekommen, tat ich das auch. Und ich schrieb eine bitterböse Mail an SL, die Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs hier, in der ich mich über ihre bescheuerten Mitarbeiter beschwerte und sie für alle bisher in Schweden erlittene Unbill böse beschimpfte: Nicht vulgär, aber sehr, sehr deutsch-direkt warf ich ihnen alle „typisch schwedischen“ Unzulänglichkeiten vor, die mir an diesem Tag besonders aufstießen: Ihre Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ihre Tendenz, sich immer hinter irgendwelchen Apps oder Computerprogrammen zu verstecken (die Technik kann ja keine Fehler machen, Fehler macht also immer der Mensch, der die Technik nicht richtig bedient – und das bin idR ich) und sich immer auf „die Regeln“ zurückzuziehen, wenn es notwendig wäre, eine eigene Entscheidung zu treffen…

Bewältigungsstrategien Nr. 4, 5, 6: Keine Rache, Abhaken, Solidarisierung

Und dann tat ich etwas für mich Ungewöhnliches, was aber genau richtig war: Ich schickte die Mail nicht ab. Und ich warf den Strafzettel weg. Danach verfasste ich einen Beitrag in einem facebook-Forum von lauter Frauen, die auch Auslandserfahrungen haben. Ich erzählte, wie ich mich fühlte und fragte, wie sie denn mit diesen Frustrationen im Ausland umgingen? Und ich bekam so nette Antworten! Es gab (natürlich!) viel schlimmere Erlebnisse bei anderen, mit viel größeren Ungerechtigkeiten. Das war mir natürlich theoretisch auch vorher schon klar gewesen. Aber alle schienen genau zu verstehen, wie es mir ging. Alle kannten diese Gefühle von Ohnmacht, Frustration und Einsamkeit im Ausland.

Bewältigungsstrategie Nr. 7: Mittagessen mit Bekannter

Am nächsten Tag ging ich zu einem Treffen mit einer losen Bekannten. Das hätte ich zwar eigentlich am liebsten abgesagt, weil ich mich immer noch verkriechen wollte. Aber ich überwand mich. Und das war gut. Wir saßen in der Frühlingssonne, aßen, tranken Kaffee, und nach einer ganzen Weile erzählte ich ihr von dem blöden Erlebnis. Es gab keine Lösung dafür, keine Genugtuung. Aber ich fühlte mich nach dem Gespräch nicht mehr ganz so einsam und unverstanden wie noch am Tag davor.

You live – you learn

Fazit: Wenn so etwas passiert, dann ist das – leider – normal. Im Ausland gibt es viele Fehler, die man machen kann, selbst wenn man die besten Absichten hat. Meistens ist es einfach nur ärgerlich, teuer und zeitaufwändig. Manchmal trifft es einen hart. Besonders wenn man echte Diskriminierung erlebt (was bei mir nicht so war), oder wenn es einem sowieso schon nicht so gut geht. Doch je schneller man diese unangenehmen Episoden hinter sich lassen kann, desto besser. Meistens lernt man immerhin etwas daraus. Wie man am schnellsten drüber hinwegkommt, ist ganz individuell. Am besten ist es sicher immer, wenn man nette Leute hat, mit denen man darüber reden und vielleicht auch irgendwann lachen kann. Ansonsten helfen auch Bewegung, ein heißes Bad, leckeres Essen oder ein Telefonat mit einer Freundin zuhause. Und wenn es ganz schlimm ist: alles zusammen.

Im „Langängensgard“ auf Lidingö gibt es Kuchen und kleine Mittagsmahlzeiten. Noch ist die Natur kahl, aber das ändert sich hoffentlich bald. Foto:privat.

Hilfreich in schwierigen Situationen im Ausland

An dieser Stelle möchte ich jeder und jedem Expat das Buch Gemeinsam ins Ausland und zurück von Susanne Reichhardt und Anke Weidling empfehlen. Darin gibt es viele verschiedene, ganz praktische Übungen und Denkanstöße zu den eigenen Ressourcen: Z.b. sich der eigenen Charakterstärken (hier kann man einen Test dazu machen) und gemeisterten Krisen bewusst zu werden. Auch wird man aufgefordert, sich über die eigenen Kraftquellen klar zu werden (was tut mir klörperlich und geistig gut? wo fühle ich mich wohl?). Doch es gibt noch viele weitere Themen, die die Autorinnen aufgreifen. Sie erklären nicht nur die typischen Phasen, die man vor, während und nach einem Auslandsumzug erlebt, sondern geben konkrete Tipps. Was man sich als begleitendeR PartnerIn für die Zeit im Ausland vornehmen kann, wie man den Kindern beim Eingewöhnen hilft und auch wie die Rückkehr (die sich viele zu leicht vorstellen) vorbereitet und begleitet werden kann.


Wer dazu täglich kleine Denkanstöße und Übungen haben möchte, kann sich auch die „trust“-App herunterladen. Damit sollen spontan positive Gefühle wachgerufen und Ressourcen aktiviert werden. In sieben Sprachen zugänglich. Die Entwicklerin, Christina Diegelmann, ist Psychologische Psychotherapeutin und Autorin mehrere Bücher.


Falls es längerfristige und gravierendere Probleme gibt, können auch folgende online verfügbaren Unterstützungsmöglichkeiten helfen. In Deutschland gibt es zwar nach wie vor recht große Vorbehalte gegen solche Werkzeuge, aber diese hier sind nachgewiesenermaßen wirksam (Quelle: Geo Wissen, Nr. 63 – hier finden sich auch noch weitere tools, S.79). Und falls es eine Therapie im Ausland nötig sein sollte, habe ich hier Tipps gesammelt.

moodgym kostenlos, frei zugänglich, von australischen Wissenschaftlern entwickelt auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie. Nach der Registrierung kann man in fünf „Bausteinen“ lernen, negative Gedankenmuster zu erkennen und durch neue zu ersetzen. Dadurch sollen Symptome von Depressionen gemildert werden. Wissenschaftlich untersucht und wirksam.

7mind – Meditationsapp, bei der die Basis kostenlos ist, weitere Möglichkeiten jedoch kostenpflichtig. Für Menschen mit deutscher Krankenversicherung gibt es einen zertifizierten Präventionskurs, dessen Kosten die Kasse übernimmt.

get.onPsychologische online-Kurse (vier davon auf Rezept), weltweit. Themen u.a.: Stress, Burnout, Depression, chronischer Schmerz, Panik, Schlafprobleme.

iFightDepression – Angebot zur Selbsthilfe bei leichten Depressionen, für das man allerdings die Begleitung eines/einer Arztes/Ärztin braucht: die Ärztin muss die Anmeldung bei dem tool ermöglichen; angesprochen werden Jugendliche und Erwachsene. Viele verschiedene Sprachen werden angeboten.

deprexis – für die Nutzung benötigt man ein Rezept von einem Arzt oder Therapeuten, das man dann bei der Krankenkasse einlösen kann, um einen Freischaltcode zu erhalten.

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