Angekommen?

29.01.2022 – Beim Umzug in ein neues Land gibt es verschiedene Phasen, die jede/r durchläuft: Abschied, Übergang, Eintritt und Wiedereinbindung. Bisher hatte ich das Gefühl, immer noch im chaotischen Übergang zu stecken – auch wenn wir nun schon seit eineinhalb Jahren hier sind: Halbzeit. Aber heute hatte ich das erste Mal das Gefühl, einzutreten. Bin ich jetzt angekommen?

Unbehagen im neuen Land – das ist normal

Ich habe nämlich den Gedanken gehabt, dass es hier doch ein paar Sachen gibt, die ich wirklich besser finde als in Deutschland. Das klingt zunächst arrogant. Warum denke ich das erst jetzt? War ich so lange so undankbar trotz toller Natur und der Privilegien, die wir hier genießen…? Viele Leute machen hier Urlaub, weil sie Land und Leute mögen. Dann muss es doch toll sein, hier leben zu dürfen. Aber nein, so einfach ist es ja nicht. Hier zu leben ist ganz anders, als Urlaub zu machen. Es ist ganz normal, dass der Anfang in einem neuen Land erstmal unangenehm ist: chaotisch, weil man sich nicht auskennt, weder örtlich noch kulturell noch sprachlich mitkommt. Weil man Strukturen und Menschen vermisst und die neuen noch nicht kennt. Und bei uns war und ist auch noch Pandemie. Genauso normal ist es auch, nach einer gewissen Zeit wirklich anzukommen. Dann ist man in der Lage, das Land und die Leute bessser zu verstehen, Dinge und kulturelle Besonderheiten wertzuschätzen – ohne gleich unkritisch zu sein.

Was wir uns von Schweden abschauen sollten

Aber was ist es denn nun, was mir heute so positiv hier aufgefallen ist? Eigentlich sind es sogar zwei Dinge: Einerseits gefällt mir oft der Umgang mit Kindern und ihren Bedürfnissen. Und andererseits finde ich es richtig gut, wie die SchwedInnen ihre Natur nutzen und ganz regelmäßig draußen sportlich aktiv sind.

Golfplatz mit Loipen und Hund.

Fussballplätze zu Eislaufbahnen – Golfplätze zu Loipen

Dafür wird von den Kommunen eine Menge getan: Es gibt scheinbar überall gut ausgestattete Sportstätten. Und die werden nicht nur für ein paar Schulstunden oder bei gutem Wetter betrieben. Sie werden ständig, das ganze Jahr über und täglich viele Stunden lang genutzt: So sind Fussballplätze im Sommer fürs Fussballspielen da. Aber im Winter werden aus ihnen häufig Eislaufflächen – die man in der Regel kostenlos nutzen darf. Auch in Parks – z. B. im Vasapark in Stockholm – gibt es kostenlose Eislaufflächen, die angelegt und gepflegt werden. Und natürlich auf Seen und sogar auf dem Meer, wenn es zufriert. Golfplätze werden im Winter zu Langlaufstrecken umfunktioniert, zum Teil sogar mit Kunstschnee beschneit. Joggingstrecken im Wald werden morgens, abends und in den dunklen Monaten sehr gut beleuchtet – und im Winter als Loipen präpapiert.

Im Dunkeln im Wald joggen gehen – hier auch für Frauen normal

Und es ist absolut normal, dass auch Frauen allein auf solchen Waldstrecken im Dunkeln unterwegs sind. Das machen in Deutschland sicher nicht viele so selbstverständlich. Aber es ist hier auch wirklich etwas los, wenn es dunkel ist. Die Leute bleiben nicht im Haus, sobald es dunkel wird. Das ist auch kaum möglich, wenn es im November und Dezember nur zwischen 10 und 14 Uhr hell ist… (und das in Stockholm – in nördlicheren Landesteilen noch weniger).

Größeres Verantwortungsbewusstsein für die eigene Gesundheit

Schlittschubahn im Sportstadion „Östermalm Idrottsplats“.

Außerdem gibt es an ganz vielen Stellen im Wald sog. „Utegym“ – also „Draußen-Fitnessstudio“. Bei uns gibt es das auch – heißt „Trimm-Dich-Pfad“… klingt schon deutlich weniger cool. Aber vor allem gibt es solche Pfade nach meiner Wahrnehmung viel seltener. Und wenn es sie gibt, werden sie viel seltener genutzt. Es scheint hier einfach auch ein viel größeres Verantwortungsbewusstsein für den eigenen Körper, die eigene Gesundheit zu geben.

Ein Grund könnte das schlechtere Gesundheitssystem sein

Ich bin noch dabei, herausfinden, woher das kommt. Eine „böse“ Theorie (die ich so aber auch schon hier gehört habe) ist, dass es hier nicht so günstig ist, krank zu werden: Das Gesundheitssystem ist in den letzten zwei Jahrzehnten viel schlechter geworden. Nur in Deutschland hat es noch einen guten Ruf. In Notaufnahmen wartet man häufig viele Stunden lang – und das nicht nur während der Pandemie. Wenn man „drin“ ist im System, dann gib es hervorragende ÄrztInnen und Kliniken. Aber reinzukommen ist das Problem. Man hat uns z.B. geraten, falls wir einmal in die Notaufnahme müssten, immer sehr mit der Darstellung der Beschwerden zu übertreiben…

Schweden hat auch viel weniger Krankenhaus-Betten als Deutschland: (je nach Quelle und Bezugsjahr) nur ca. 2,22,6 pro 1000 Einwohner. Deutschland hat acht. Damit gehören wir zu den Ländern, die am meisten Krankenhausbetten weltweit haben – nur sechs oder sieben Länder haben mehr. Dasselbe Bild gibt es bei den Intensivbetten. Man tut also gut daran, hier nicht auf ein Krankenhaus angewiesen zu sein. Übrigens gilt das auch für viele aufwändigere Untersuchungen. Die Wartezeiten für MRTs und CTs können sehr lang sein. Und das wissen die SchwedInnen.

Bei jedem Wetter raus – von kleinauf

Schlittschuhfahren auf einem zugefrorenen See.

Aber es ist nicht nur die schlechtere Versorgungslage. Es ist auch eine andere Einstellung: Den Kindern wird von klein auf beigebracht, dass man bei jedem Wetter rausgehen kann. Das prägt. Die Eltern sind auch sehr häufig in den Sportvereinen oder bei den Pfadfindern die TrainerInnen ihrer Kinder. Das ist einerseits vorbildlich im Sinne des Gemeinwesens, andererseits sehen die Kinder direkt an ihren ersten Vorbildern, dass es normal ist und Spaß macht, sich zu bewegen.

Das Wohl der Kinder ist hier sehr wichtig

Da spielt auch hinein, was ich ganz am Anfang schrieb: Der Umgang mit Kindern ist hier auch etwas, was ich zu schätzen gelernt habe. Kinder und ihr Wohl werden sehr wichtig genommen. Es ist kein Zufall, dass die schwedischen Schulen während der Covid-Pandemie kaum geschlossen waren. Oder dass sie eine sehr gute Computerausstattung haben. An manch anderer Stelle klappt es aber weniger gut mit der Priorisierung der Kinder: so ist z.B. deren psychologische Versorgung bei weitem nicht ausreichend.

Aber nur der schwedische Staat weiß, was gut für die Kinder ist

Und natürlich hat das auch alles zwei Seiten, und ich bin deshalb immer noch nicht damit einverstanden, WIE die Schulen offen gehalten werden: nämlich ohne jegliche Schutzmaßnahmen wie Masken oder Tests. Die Kinder hier werden mit Omikron gerade zum vierten Mal durchseucht… Auch muss einem bewusst sein, dass im Zweifel der schwedische Staat als derjenige angesehen wird, der weiß, was gut für die Kinder ist. Und nicht die Eltern oder gar die Kinder selbst. So gibt es z.B. meines Wissens in Schulen so gut wie keine Mitbestimmung durch Eltern oder Kinder. Und das, obwohl die Kinderrechtskonvention der UN hier direkt gilt. An dieser Stelle können die SchwedInnen dann von uns oder anderen lernen… (wobei das natürlich auch nicht überall perfekt ist in Deutschland). Aber es herrscht grundsätzlich in Schweden eine kinderfreundliche Stimmung – und das ist ja viel mehr als wir von Deutschland sagen können. Dort hat uns ein Makler bei der Suche nach einer Wohnung in Berlin gesagt: „Die Bonität ist gut – aber ihr Problem sind die vier Kinder.“

Stimmungsbooster: Bewegung am Morgen

Und was hat nun meine positive Grundstimmung gegenüber unserem Gastland heute ausgelöst? Ein Skilanglauf(technik)kurs! Für den ich um 7 Uhr am Samstag aufstehen und bei Schneeregen den inneren Schweinehund überwinden musste. Und ich freue mich sehr, dass ich das getan habe! Zwar war es unglaublich anstrengend – ich hätte nach der ersten der zwei Stunden gut aufhören können -, aber ich habe wirklich viel gelernt. Jetzt brauche ich nur noch ein bisschen frischen Neuschnee und jemanden, der mit mir üben geht. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch, eins der Kinder oder meinen Mann zu überreden.

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